A Forest Of Stars Grave Mounds And Grave Mistakes (2018) - ein Review von Son_Goku_SSJ3

A Forest Of Stars: Grave Mounds And Grave Mistakes - Cover
1
Review
2
Ratings
9.25
∅-Bew.
Typ: Album
Genre(s): Metal: Black Metal



10.02.2020 13:14

Der Gentleman’s Club nimmt uns wieder auf eine Reise ins England des Viktorianischen Zeitalters mit. Äußerlich betrachtet eine edle und anmutige Epoche. Die Schriftsteller Charles Dickens, George Eliot und Oscar Wilde veröffentlichten klassische Werke der Literatur. Und selbst die Mode findet in unserer Zeit Anklang, besonders bei Veranstaltungen der Schwarzen Szene wie dem Wave-Gotik-Treffen oder dem M’era Luna. Blickt man auf die gegenüberliegende Seite des Erdballs, wurde sogar in Japan der Lolita-Modestil von dieser Zeit beeinflusst.
Taucht man noch tiefer ein, eröffnet sich einem eine Welt des in Überschwung und Dekadenz lebenden Adels. Wer nicht zur Oberschicht gehörte, kämpfte mit Krankheiten – trieb doch die Cholera in Europa ihr Unwesen – und Hungersnot – ein Auslöser dafür war unter anderem die Kartoffelfäule in Irland –, was zu Skorbut und Rachitis führen konnte.
A Forest of Stars vermögen es, das Schöne und Hässliche dieser Zeit miteinander zu verbinden und etwas völlig Eigenständiges zu erschaffen. Die Stilmittel, auf die zurückgegriffen werden, um dieser Mixtur einen Klang zu verleihen, sind teils wilder, teils atmosphärischer Black Metal, Sinne berauschender Psychedelic Rock und von Violine und Flöte erzeugter Folk.

Ein großes Lob muss ich für das Artwork und insbesondere das auf 500 Stück limitierte 2-CD-Boxset aussprechen, das laut Label von der Band selbst entworfen und eigenhändigt gefertigt wurde. Alle Bilder sind fotografierte Miniaturmodelle, passend zum im 19. Jahrhundert angesiedelten Konzept der Band. Die Box wirkt wie eine Zeitkapsel, die demjenigen, der sie öffnet, eine längst vergangene Zeit offenbart. Neben einer Bonus-CD beinhaltet sie ein Booklet in Form eines Zeitungsblattes, mehrere auf der Box verteilte Stempel bzw. Prägungen und ein Etui mit vier Postkarten, auf denen Fotos antiker englischer Zimmer inklusive deren Verwendung – jedenfalls jene Verwendung, die uns die Mitglieder der Band weismachen wollen – abgelichtet sind. Der einzige Makel ist, dass sich das Artwork weder auf noch in der Box befindet.

CD 1 - Grave Mounds and Grave Mistakes

01 Persistence Is All
Mit einem Geräusch, welches wie herabregnender Sternenstaub klingt, taucht man mit der Band in eine mystische Welt ein. Hat man diese betreten, wird man von folkloren Melodien empfangen: eine Violine und eine akustische Gitarre schmeicheln sich ins Ohr. Dies ist jedoch nur von kurzer Dauer, denn…

02 Precipice Pirouette
…mit diesem Lied fängt das typische geordnete Chaos dieser Band an. Nach ungefähr drei Minuten hat die rasende Hysterie ein Ende und es geht behäbiger zu. Eine vollkommene Symbiose aus furiosem Black Metal, Akustikgitarre, Violine und Cello. Dieses Lied ist ein Paradebeispiel für eine Band, die ihren Stil gefunden, verfeinert und nun perfektioniert hat. Wer A Forest of Stars antesten möchte, ist mit diesem Lied – der Quintessenz des künstlerischen Schaffens dieser Band – gut beraten.

03 Tombward Bound
Und was macht man, wenn man seinen Stil perfektioniert hat und sich nicht wiederholen will? Genau, man experimentiert. Die Synths erzeugen anfangs fast schon unheimliche Geräusche. Störende Funksignale? Durch wen oder was werden diese hervorgerufen? Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Man kann seinen eigenen Horrorfilm, bei dem die Band die Backgroundmusik beisteuert, vor seinem inneren Auge abspielen lassen. Passend zum Kopfkino sing Mister Curse hier nicht; er erzählt. Dieser Sprechgesang schränkt ihn aber keineswegs ein. Die Emotionen hört man in jedem seiner Worte. So düster und trostlos die Stimmung anfangs auch sein mag, wird sie – spätestens beim Einsatz der weiblichen Vocals und gewisser Keyboard-Passagen – hoffnungsvoller und heller. Ab Mitte des Liedes kommt die metallische Härte zurück und Mister Curse singt mit neu gewonnener Stärke.

04 Premature Invocation
Wie schon bei „Persistence Is All“ schafft es die Band hier gekonnt, ihre akustischen Instrumente mit Synthesizerklängen zu untermalen, wodurch eine Klanglandschaft kreiert wird, welche einen wie in eine andere Welt versetzt fühlen lässt. Die Übergänge zu den härteren Black-Metal-Passagen sind so flüssig, dass man diese kaum wahrnimmt.

05 Children of the Night Soil
So garstig der Titel klingt, so passend ist die musikalische Umsetzung dazu. Näher am Death Metal war die Stimme von Mister Curse wohl noch nie. Er verlässt diese ungewohnten Gefilde jedoch stellenweise, um zu seinen theatralischen Black-Metal-Screams zurückzukehren.

06 Taken by the Sea
Nach dem härtesten Song des Albums kommt gleich darauf das wahrscheinlich schönste Lied, das die Band je komponiert hat. Am Anfang dominieren die sanfte Stimme von Katie Stone und minimalistisch eingesetzte Strings und ein Piano. In der zweiten Hälfte kommen Metal-Elemente hinzu, ohne dass das Lied an Schönheit einbüßen muss. Erinnerungen an SubRosa kommen hoch. Mister Curse kommt hier übrigens nicht zum Zuge, ist sich aber dennoch nicht zu schade für ein kleines Späßchen. Laut Booklet war er, während die anderen das Lied aufgenommen haben, mit Bürotätigkeiten beschäftigt. Er bezeichnet dies als wenig glamourös, aber wichtig. Recht hat er!

07 Scripturally Transmitted Disease
Hier zieht die Band alle Register. Vor allem Mister Curse setzt seiner Theatralik die Krone auf. Einen ganz besonderen Gänsehautmoment wird einem in der zweiten Hälfte beschert, wenn der Black-Metal-Sturm vorübergezogen ist, das Lied melodischer wird und der Gesang von Katie Stone einsetzt.

08 Decomposing Deity Dance Hall
Die Violine, die Akustikgitarre und das Rascheln von Ketten erzeugen ein Gefühl, als befände man sich eher inmitten von Roma und Sinti als im alten England. Die bald darauf auftauchenden futuristisch anmutende Synths klingen jedoch nicht fehl am Platz.

CD 2 - Folklore for the Flies EP

01 So Much Walking Dust (Parasite for Sore Eyes)
Das erste Lied der auf der im Boxset beinhaltenden Bonus-EP fängt – wie der Titel vermuten lässt – mit folkloren Tönen an. Hier wird erstmals eine Mandoline verwendet, die dem Song eine ganz eigene Note verpasst. Dabei klingt weder dieses noch das darauffolgende Lied wie Resteverwertung der Albumsessions. Beide Lieder mögen im Kontext des Albums zwar wie Fremdkörper wirken, strahlen hier jedoch ihren ganz eigenen Charme aus.

02 Plight of the Uneven Heathen
Das Folklore-Thema wird bereits hier verlassen. Stattdessen begibt man sich auf einen Drogen getränkten Trip ins Weltall. Der an Hawkwind – den Pionieren des Space Rock – erinnerter Track lässt durch seine Black-Metal-Wurzeln Vergleiche mit Oranssi Pazuzu nicht abwegig erscheinen. Einen kleinen Gag wollte man sich auch hier leisten. Mr. Titus Lungbutter spielt hier einen „Fuzz Wah Bass from the Ninth Dimension of Tz‘ 9z§k-jcef³.“ Wer wissen möchte, wie dieses Instrument klingt, sollte sich schleunigst dieses Album besorgen.

Nachdem die letzten Töne erklungen sind, man sich wieder im Her und Jetzt befindet und die CDs wieder in das Boxset legt, nimmt man dieses gerne als Souvenir mit; als Andenken an ein Album, das mehr ist als bloße Musik auf einem Tonträger gepresst. Es ist wahre Kunst und sowohl akustisch als auch optisch und haptisch ein Meisterwerk.

Punkte: 10 / 10