Scenes From The Second Storey (1992) - ein Review von Janeck

The God Machine: Scenes From The Second Storey - Cover
1
Review
6
Ratings
9.67
∅-Bewertung
Typ: Album
Genre(s): Metal


Janeck Avatar
20.12.2015 12:16

"Sheet One", "Ænima", "f#a#oo", "Frizzle Fry", "Goo", "Moon Safari", "Welcome To Sky Valley", "Clandestine", "Tilt", "Blue Lines","To Bring You My Love", "Through Silver In Blood", "Last Rights", "Spiderland", "Filth Pig", "Badmotorfinger", "The Downward Spiral", "Laughing Stock", "Slow, Deep And Hard", "Soundtracks For The Blind", "Dirt", "Selected Ambient Works 85-92", "Angel Dust", "Dead Cities", "Into The Everflow", "Bone Machine", "World Coming Down" - liest sich angenehm, oder? Muss es ja auch, schließlich handelt es sich hier um die bewundernswertesten Musikerscheinungen der 90er Jahre, die ich jetzt mal grob aus meiner eigenen Sammlung herausgefiltert habe.
Was hat es mit diesen genannten Alben hier auf sich? Nichts. Damit möchte ich nur verdeutlichen, wie unbeschreiblich und unwirklich großartig "Scenes From The Second Storey" ist - das meiner Meinung nach ergreifendste, tiefste, berührendste, erhabenste und ausdrucksstärkste Musikalbum von 1990 - 1999, welches alle oben erwähnten Alben überragt.
THE GOD MACHINE, das waren Robin Proper-Sheppard an der Gitarre und gleichzeitig Sänger, Jimmy Fernandez an der Bassgitarre und Ronald Austin am Schlagzeug. THE GOD MACHINE waren nicht nur irgendeine Band, sie waren Propheten, Visionäre, anbetungswürdige Musiker, Querdenker und Songschreiber jenseits des Horizonts.
"Scenes From The Second Storey" ist in den letzten Jahren bei mir zu dem Album herangewachsen, als welches ich es hier bezeichne. Ein einziger Tagtraum aus den 90ern, das beste Musikwerk dieses Jahrzehnts und bestimmt mittlerweile in meinem persönlichen Top-10-Requiem.
Eröffnet wird das Album mit dem peitschenden 'Dream Machine'. Stimmen, Bassbrummen, die Snare setzt ein, ein verträumtes Licht im Hintergrund, Gitarre, leichter Keyboardbombast und dann diese Stimme. Eine rhythmisch vertrackte Nummer mit Snare-Attacken, schleifenden Riffs, sirupartigen Basslinien und dazu klagt und triumphiert Sheppard mit seiner einzigartigen Stimme und seinen mitreißenden Texten. Dann folgt ein Bruch, tribalartige Drums, eine sich in den Vordergrund kämpfende Gitarre, Bassteppiche, ein knallhartes Break und dann wieder alles von vorne, diesmal noch intensiver von allen Instrumenten und dem Gesang betont.
'She Said' beginnt sofort knalliger, ausufernder, ungezügelt und mit einem erstaunlichen betonten Schlagzeugspiel. Sheppard schwingt sich stimmlich in Höhen zwischen Anmut, Träumerei und unkontrolliertem Aufschreien. Seine Stimme ist das Zentrum, der Halt in diesem schweren Brocken aus Dunkelheit, Schwere, Leid, Traurigkeit und Tristesse. Dort ist man dann auch endgültig angelangt, wenn die ersten akustischen Gitarrentöne von 'The Blind Man' aufheulen. Das Schlagzeug setzt ein, warme Bassrhythmen und eine verzehrte Gitarre, minimalistisch und ergreifend baut sich eine graue Welt auf. "Have you ever seen a bird fly / Have you ever seen the sun shine / Have you ever held something beautiful / You know that it will eventually die". "I'm tired, I'm tired". Reduziertes Gitarrensolo, wieder tribalartiges Schlagzeug, eine fauchende Gitarre, ein abstürzender Funken, der rasend in die Tiefe stürzt, dann explosionsartige Wutausbrüche an den Instrumenten. Stille. Der erste überlastende Gefühlsausbruch der drei Musiker. Nach den ersten drei Songs merkt man bereits diese brennende Besonderheit, die in jedem weiteren Song glüht. Das kochende und kurze 'I've Seen the Man' mit einem brillanten Sheppard, knackigem Drumming und hysterischen Gitarrenriffs oder die stilistisch abgehobene Übertriebenheit von 'The Desert Song' mit seinem leichten orientalischen Touch und dieser unterdrückten Ruhe - schamanenhaft wird man ständig um die eigene Achse gedreht. Wahnsinn, konnte diese Band überirdische Songs schreiben!
Dieser weltfremde Chor am Anfang von 'Home', dann dieser unschuldige Umbruch in das "typische" Power-Trio-Rockmuster. Ein erschlagender Bass, knallender Schlagzeugrhythmus, tieftrockene und verklebte Gitarrenriffs und diese unglaubliche Stimme. Man könnte meinen, dass man die ganze Zeit zu Sheppard unwürdig aufsieht, während er eine gefühlvolle Predigt nach der andere abfeuert. Unglaublicher Charisma der hier wirkt. Mir ist kein Sänger bekannt, der auch nur im Ansatz vergleichbar ist, diese rohe Ausdruckskraft besitzt und der von innen unter der Haut kitzelt.
Und dann, Ladies and Gentlemen, folgt mit 'It's All Over' der beste Song, der das Thema des Titelnamens am authentischsten vertont hat.
Sheppard hat mit diesem Song Engelsmusik aus dem Himmel auf die Erde gebracht. Abschied von der Welt nehmen ist noch nie so einfach gewesen, natürlich um sich nun endgültig dieser verzaubernden Musik hinzugeben. Diese gezupfte Gitarre ist für mich der größte eingefangene Musikmoment der 90er Jahre. Was für abartige musikalische Genies das waren.
Mit 'Temptation' gibt's die musikalische Kahlrasur. Noise, wundenerweiterndes Basswummern, spacige Windstöße und hypnotisierendes Drumming. Dann wieder Leid und Tristesse. Sheppard flüstert, bettelt, leidet, schreit - Verzweiflung in Musik, Text und Stimme. "Why is your sky always so much bluer than mine / You look to your sky and say look how beautiful / And I look at these walls and scream". "Let me out, out, out - Let me out, out, out ...". "And if your walls should ever come falling / I'd understand, yes i'd understand / Because mine already has". "Let me out, out, out, out, out, out, out ...". 'Out' schmerzt regelrecht an Intensität. 'Ego' ist wieder so ein zähflüssiger Düsterrocker mit peitschendem Schlagzeug, sandigen Gitarrenriffs und einem Fundament aus brachialer Bassgewalt. Den Brennstab dieses Musik-Kernreaktors bildet das knapp 17-minütige 'Seven'. Eine gewaltige musikalische Bergkette aus verkrusteten Gitarrenriffs, mitreißenden Gesangserlebnissen, Tempovariationen, anmutigen Gitarrenmelodien- und Harmonien, dröhnenden Schlagzeugbetonungen, verschwommenen Basshypnosetherapien und verschrobenen Jamexperimenten mit Blechblasinstrumenten.
'Purity' leitet dann sehr experimentell den Schluss des Albums ein. Eine Akustikgitarre, sanfte Klassik, flüsternde Stimmen aus dem Hintergrund, Cello und Violinen. Dann wieder Schlagzeug, Bass und Gitarre. "If I show you the truth will you show me the beauty / If I show you the pain will you show me the purity / If I show you the scars will you show me yours". "It's the same all over - It's the same all over - You were never there - You were never there". Aus. Schluss. Dunkelheit. Nichts.
'The Piano Song' hinterlässt mich als geschwächten Tränenmann, gebrochen und überwältigt.
"Scenes From The Second Storey" habe ich Ende der 90er unbewusst in einem An- und Verkauf wegen dem interessanten Cover für weniger als 10 Mark mitgenommen, wenig beachtet und erst Jahre später angehört. Es sollte sich zu einem der wenigen von mir als perfekt bezeichneten Alben entwickeln und mich wie kaum ein Album zuvor und bis heute so ergriffen und aufgewühlt zurücklassen, wie es diese drei Übermusiker erreicht haben.
Mit "One Last Laugh in a Place of Dying" erschien ein Jahr später das zweite und letzte Album, da Bassist Jimmy Fernandez kurz nach den Aufnahmen verstarb. Sheppard gründet daraufhin die Band SOPHIA. Beide Alben von THE GOD MACHINE sind bis heute jedoch unerreicht, tauchen aber ab und zu ganz minimalistisch im Sound von TOOL wieder auf, wie zumindest ich es empfinde.
"Scenes From The Second Storey" gehört heute zu meiner ersten Wahl, wenn ich meine Musikbesessenheit erklären soll. Dieses Werk ist für mich eine der wenigen Definitionen von ergreifend guter Musik.

Punkte: 9.5 / 10


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