V'stärker Aus (2015) - ein Review von noiseagain

Thomas Godoj: V'stärker Aus - Cover
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Review
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10.00
∅-Bewertung
Typ: Album
Genre(s): Rock


28.12.2015 22:31

Ich flieg in Dein Licht, es ist die Liebe zur Musik!

Wann bekommt man schon mal eine Vorab-CD vom Künstler höchstpersönlich in die Hand gedrückt? So geschehen nach dem Konzert im schönen Münchner Backstage-Club mit den warnenden Worten, dass dieses Album aber "etwas anderes" sei, ein Akustik-Album, auf dem "viele verschiedene Stile abseits des Rock gemischt wurden". Und Thomas wünscht mir damit viel Spaß und hofft, es möge mir gefallen.

Tja, allein schon diese Begebenheit zeigt, dass es im Umfeld des deutschen Rockmusikers THOMAS GODOJ sehr familiär und freundlich zugeht. Er ist ein bescheidener Musiker, der sich aufrichtig über jeden neuen Fan freut.

Und "V’Stärker Aus" ist wirklich etwas ganz Besonderes! THOMAS GODOJ geht wie so oft in seiner bewegten Karriere nicht den einfachen Weg und schrammelt seine Rocksongs nach bewährtem "MTV-Unplugged"-Muster mit Akustik-Gitarre und Spar-Drums herunter um dies mit ein paar Cover-Versionen wieder aufzupeppen. Nein!

THOMAS GODOJ und seine Band nehmen sich jeden Song - sorgfältig aus dem fünf Studio-Alben umfassenden Back-Katalog ausgewählt - vor und durchdenken ihn noch einmal völlig neu in Hinsicht auf seine Kern-Aussage. So wurden alle Lieder sorgfältig umarrangiert, ohne ihnen musikalisch und stilistisch Grenzen aufzuerlegen, ausser vielleicht, dass sie verstärkerfrei, also nur mit akustischen Instrumenten, aufgenommen werden mussten. Und was dabei heraus gekommen ist, ist so großartig geworden, dass ich es immer und immer wieder hören muss.

Die CD startet mit meiner bisherigen GODOJ-Lieblings-Nummer 'Beste Entscheidung' vom aktuellen Album "V". Statt Power-Rock gibt es aber getragenes Tempo, Streicher, Piano und eine so warm und (ich hasse dieses Wort eigentlich, weil es DAS Modewort der Promofuzzis geworden ist) authentisch aufgenommen Stimme, dass man meint, GODOJ stehe im eigenen Musikzimmer. Diese Nummer ist für mich der perfekte Einstieg für den Streifzug nicht nur durch das vorliegende Album, sondern auch durch die mir unbekannte ältere Vergangenheit des Herrn. 'So gewollt' präsentiert sich darauf als fetzige Mixtur aus Reggae (wirklich guter Reggae, denn ich mag diesen Stil eigentlich gar nicht) und Rockabilly, die einfach Spaß macht, und 'Genau der Moment' strahlt mit seinen jazzigen Klavier-Tupfern auf einmal ein sehr urbanes, cool-gechilltes Cocktail-Party-Feeling aus (seltsame Assoziation, ich weiß). Und dann, wow, gibt es mit zwei melancholischen Balladen ('Vermisst Du nicht Irgendwas' und 'Dächer einer ganzen Stadt') zweimal Gänsepelle der Luxusklasse. Ich höre hier einen Musiker mit einem selten so wahrgenommenen Einfühlungs-Vermögen, einer Fähigkeit, den Hörer mit intelligenten und nachdenklichen Texten zum den großen und kleinen Themen, die uns alle täglich bewegen, zur erreichen und zum richtigen Zeitpunkt sogar tief zu berühren. Es ist kein Zufall, dass ich nach dem verhängnisvollesten Freitag den Dreizehnten der letzten Jahrzehnte, fast nur noch "V’Stärker Aus" gehört habe. Und was für ein unverschämt genialer Song ist denn bitte 'Niemandsland'? Live ist das ein Nackenbrecher, hier jedoch eine beswingte Jazz-Nummer mit ober-coolem Akusik-Klampfen-Solo und einem Text, der jeden Großstadt-Bewohner zumindest mal kurz ins Grübeln bringen sollte. Fast exakt dasselbe könnte ich über das bislang unveröffentlichte 'Liebe Zur Sonne' schreiben. Akustik-Gitarren, Streicher-Einsätze, ergreifender Gesang, Lyrics, alles ist vom Feinsten, ein Song für die Dauer-Repeat-Funktion. Warum habe ich eigentlich bislang noch nie den Wert von muttersprachlichen Texten erkannt oder erkennen wollen? Danke, Herr Godoj für diesen Dosenöffner für deutsche Mucke.

Es haben noch nicht alle der vierzehn Songs bei mir gezündet, vielleicht weil für manche einfach noch nicht der richtige Moment da gewesen ist. Denn GODOJs Musik ist wahnsinnig persönlich und facettenreich, und hat scheinbar für jede Lebens-Situation (Aufbruch und Rückblick, Liebe und Verlust, Träumerei und Selbstzweifel,...) und darüber hinaus etwas zu bieten, da kann einem vielleicht gar nicht alles auf einmal gefallen. Die Tage könnte vielleicht bei 'Meine Welt ist es nicht' auch mal ein trister Schauer über den Rücken laufen oder Wasser in den Augen schwimmen. Dafür ist die Uptempo-Nummer 'Ein Tag im Leben eines Anderen' - ein Pladoyer dafür, hin wieder auch mal sich selbst zu hinterfragen - auch akustisch ein höchst positives, tanzbares Stück mit weiteren unauslöschlichen Hooks, die den Kopf nur schwer wieder verlassen. Somit ist "V’Stärker Aus" - auch aufgrund seiner unverfälschten Produktion - in seiner Gesamtheit ein Album, das nur eine Note zulässt. Zumal ich sicher bin, dass es mit jedem Tag weiter wachsen wird.

Review auf www.powermetal.de 18.12.2015

Punkte: 10 / 10


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