Prog På Svenska - Live In Japan (2014) - ein Review von noiseagain

Änglagård: Prog På Svenska - Live In Japan - Cover
1
Review
2
Ratings
10.00
∅-Bewertung
Typ: Live
Genre(s): Rock Progressive Rock


09.07.2014 22:56

Beeindruckendes Livedokument einer wahnsinnigen Band.

Wie groß war meine Freude, als sich das schwedische Prog-Urgestein ÄNGLAGÅRD anno 2012 mit seinem dritten Album "Viljans Öga" zurückmeldete. Für mich zählte ÄNGLAGÅRD schon Anfang der Neunziger zu den besten Prog-Bands überhaupt, denn in ihrer Musik führen Melancholie und wunderschöne Melodik einen in dieser Form unerhörten Krieg gegen Schrägheit und Komplexität. In ihrem instrumentalen Prog scheinen die Instrumente miteinander zu reden, manchmal zu kämpfen, er ist voller Dialoge und Duelle, voller Fragen und Antworten. Diverse Holz- und Blechbläser spielen dort mitunter eine ebenso wichtige Rolle wie die Gitarre und der Bass.

Schon immer war ÄNGLAGÅRD der Live-Aspekt sehr wichtig. Das bekannteste der bislang drei Live-Alben ist "Buried Alive", den Progger gerne mit dem inflationär verwendeten Wörtchen "Klassiker" ausstatten. Nun liegt hier "Prog på Svenska - Live In Japan" vor. Nach "Viljans Öga" wurde es ja tatsächlich richtig hektisch bei den sonst eher gemütlichen Schweden. Die Resonanz war enorm, es folgten einige große Gigs bei Festivals (so auch beim "Night Of The Prog" auf der Loreley) und sogar eine richtige Tour. Und auch das Line-Up wurde durcheinander gewürfelt. Unter anderem ist der langjährige Schlagzeuger Mattias Olson auf "Prog på Svenska" nicht mehr zu hören, dafür ist das Gründungs-Urgestein Tord Lindmann an der Gitarre wieder mit dabei. Im Prinzip schein es aber egal zu sein, in welcher Formation dieses Ensemble aufläuft, es ist immer Weltklasse, so auch "Prog på Svenska".

Die Band ist in Japan in der Tat sehr populär und zusammen mit der All-Star-Vereinigung THE CRIMSON PROJEKCT wurden die japanischen Fans für gleich drei Nächte auf proggigste Weise beglückt. Es scheint jedoch so, dass auch die enthusiastischen Japaner bei solcher Musik eher gebannt zuhören als auszurasten, denn von den Publikumsreaktionen her kann man nur durch das Klatschen am Ende auf ein Live-Album schließen. Die Band indes spielt wahnsinnig tight und bis ins Detail absolut perfekt. Mir erscheint ÄNGLAGÅRD als Live-Band ein klein wenig rauer als auf CD, doch im Großen und Ganzen werden die sieben Stücke (von jeder CD einer plus eine Art Intro, das als neuer Song verkauft wird) recht originalgetreu dargeboten.

'Introvertus Fugu Part I' lässt CD 1 mit sehr dezent mit an- und abschwellenden Gitarrentönen und kleinen Flöten-Spielereien beginnen, wird dann aber ein schweres, abgedrehtes, für ÄNGLAGÅRD fast bedrohlich düsteres Prog-Monstrum mit herrlicher Flötenmelodie und einem kaputten, free-jazzigen Saxophon-Solo am Ende. Da ist er wieder, der Kampf Abstraktheit gegen Gefühl. ÄNGLAGÅRD pur! "Epilog" ist die Scheibe, die mir von den Schweden an wenigsten eingeht, doch die Live-Version von 'Höstsejd' schafft es, mich nun auch endlich vollends für diese Scheibe zu begeistern. Der etwas kompaktere Sound und das extreme filigrane Zusammenspiel hilft dem Stück sicher. Doch ein leichter Anfang für eventuelle Neu-Fans ist dieser Track gewiss nicht. Auch 'Längtans Klocka' vom aktuellen Werk hat viele vertrackt-sperrige KING CRIMSON-Elemente, aber auch hier schälen die Schweden immer wieder einfach göttliche Melodien aus dem vertrackten Fundament heraus. Wie schon auf dem "Night Of The Prog" erscheint mir, dass Anna Holmgren sich immer mehr zur wichtigsten Person hier mausert. Ihr Flöten- und Saxophonspiel ist absolut fantastisch. Den walzerähnlichen Part am Ende von 'Läntans Klocka' hat man wohl extra ein wenig umarrangiert, um den verrückten Bläsern (auch Linus Kåse, ein weiterer Neuer darf mit seinem Sopransaxophon mitquietschen) mehr Raum für Improvisation zu geben. Mitunter klingt ÄNGLAGÅRD hier sogar etwas nach MOTORPSYCHO mit Ståle Storløkken. Ich gebe zu, so etwas muss man schon mögen, ich find's genial, manche machen da aber sicher auch aus. Das wäre aber eine ganz dumme Idee, denn danach kommt 'Jordrök', die Bombe von "Hybris", die einige immer noch als beste ÄNGLAGÅRD-Komposition sehen.

CD2 ist allgemein etwas einfacher verdaulich und enthält meine persönlichen ÄNGLAGÅRD-Favoriten. Erst 'Sorgmantel', das mit seinen zarten Flötenmelodien im ersten Drittel für Gänsepellen-Attacken sorgt, danach das für die Schweden fast eingängig zu nennende 'Kung Bore', dem einzigen Track mit Gesang und einfach den schönsten Instrumenten-Dialogen aller ÄNGLAGÅRD-Songs. 'Sista Somrar', der zweite "Epilog"-Track lässt diese fantastische CD würdig ausklingen, allerdings scheint er nicht bei den Live-Konzerten aufgenommen worden zu sein. Wo bleibt der Jubel? Von mir allerdings gibt es Standing Ovations.

Fazit: Müssen wir Live-Alben bewerten? Wenn ja, für diese Band gibt es ohnehin nur eine Note. Die Höchste.

www.powermetal.de 18.06.2014

Punkte: 10 / 10


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