Dream Theater (2013) - ein Review von Nasreddin

Dream Theater: Dream Theater - Cover
1
Review
31
Ratings
8.32
∅-Bewertung
Typ: Album
Genre(s): Metal Progressive Metal


Nasreddin Avatar
21.09.2013 21:30

Ein neues DREAM THEATER-Album ist für Die-Hard-Follower wie ein Rendezvous mit der Vergangenheit. Ein Treffen mit der alten großen Liebe, wo man im Vorfeld nicht genau weiß, wie man das Kommende mit vergangenen Erinnerungen vergleichen kann. Zu viel Gefühle sind im Spiel, eine objektive Distanz gelingt kaum. Wenn dann auch noch angekündigt wird, das neue Werk sei die Quintessenz des Schaffens der Band, könnten die Erwartungen kaum höher sein. Dementsprechend gespannt war ich auf "Dream Theater", das nunmehr zwölfte Album der wohl größten Progressive-Metal-Band.

Die ersten Durchgänge waren dann schließlich auch geprägt von großer Vertrautheit und noch größerer Skepsis. Ist das jetzt mindestens so gut wie "A Dramatic Turn Of Events"? Passt Mike Mangini tatsächlich so gut in die Band, wie man es sich vor zwei Jahren wünschte? Hat eine Band wie DREAM THEATER mit einem so imposanten Backkatalog noch etwas zu sagen? Diese Fragen möchte ich alle mit "ja" beantworten. Und zwar ausnahmslos. Falls jetzt jemand erwartet, dass die Band sich weiterentwickelt hat oder ein neues bahnbrechendes "Images And Words 2" aufgenommen hat, wird man enttäuscht sein. Die fünf Herren sind vielmehr in sich gegangen, haben die Stärken ihres Songwritings, die Alleinstellungsmerkmale DREAM THEATERs ausfindig gemacht und darauf basierend neun Tracks aufgenommen, die allesamt im oberen Drittel des Kataloges rangieren werden.

Keiner anderen Band gelingt es so gut, virtuose Instrumentalarbeit mit griffigem Songwriting und dem Ohr schmeichelnden Gesangslinien zu verbinden, wie DREAM THEATER. Dass den fünf Nordamerikanern die Musikalität aus jeder Pore dringt, ist keine Neuheit. Mit welcher Spielfreude hier aber zu Werke gegangen wird, das ist beeindruckend. Achtet man auf die vielen Details, die Songs wie 'The Enemy Inside', 'Illumination Theory' oder 'Enigma Machine' beinhalten, sind viele Glanzmomente der Vergangenheit wieder präsent. Vor allem die durch rhythmisch vertrackte Arrangements gebildeten Spannungskurven, wie man sie vom Meisterwerk "Scenes From A Memory" kennt, gibt es hier zuhauf zu hören. Es lassen sich aber auch Parallelen zu Alben wie "Six Degrees Of Inner Turbulence" oder "Octavarium" ausmachen, jedenfalls in den Tiefen der Klangdetails, die es zu entdecken gilt. Akkordwechsel, Bruchstücke von Gesangsharmonien oder rhythmische Verschiebungen. Sie springen nicht direkt ins Ohr, aber sie entfalten ohne gezielte Aufmerksamkeit ihre Wirkung. Und das, meine Damen und Herren, ist ganz große Kunst.

Auf den ersten Blick könnte man meinen, dass hier poppige Metal-Songs mit technisch versierten Musikern auf anspruchsvoll getrimmt werden. Aber dem ist nicht so. Selbst nach 30-maligem Hören des Albums bin ich jedes Mal erstaunt darüber, wie viel Detailverliebtheit eigentlich in dieser Musik steckt. Das sind vor allem die Klangextreme zwischen zuckersüßer Gitarrenballade und Griffbrettonanieren höchster Güte, die in beinahe jedem Song ausgelotet respektive miteinander verknüpft werden. Ein catchy Refrain, auf den unmittelbar die rasende Instrumentalabfahrt folgt - kann man so machen. Um zum oben erwähnten Bild der langjährigen Beziehung zurückzukommen: Man weiß, was man aneinander hat, auch wenn man so seine Macken entwickelt. Dafür gibt es in einer fruchtbaren Partnerschaft auch nach 28 Jahren immer wieder kleine Überraschungen. Und sei es die, dass man von der Person, die einem am nächsten steht, immer noch am meisten beeindruckt sein kann.

In ihrer Einheit als Band ist "Dream Theater" ebenso beeindruckend wie der Blick auf die Einzelleistungen unserer Instrumentalkünstler. John Petrucci hat ja schon viele göttliche Momente gehabt, aber selten war sein Einfallsreichtum so breit gestreut und klang dennoch 100%ig nach ihm wie auf "Dream Theater". Das gleiche gilt im Prinzip für Jordan Rudess, der beweist, wie gut er sich songdienlich zurückhalten kann wenn notwendig, um in der nächsten Nummer voll vom Leder zu ziehen. Bei den beiden Herren gibt es sogar Töne, die man so noch nie zu hören bekam. Der Longtrack 'Illumination Theory' hat einige explizite Bezüge zur klassischen Musik, die von den Herren nach allen Regeln der Kunst verwurstet werden. Das kurze Barock-Intermezzo alleine kann einfach alles.

Neben den beiden Stammkräften muss man Mike Mangini noch einmal hervorheben. Was der Mann an der Schießbude abzieht, ist einfach superb. Dabei fällt er weniger durch weit in den Vordergrund gemischte Kicks auf wie sein Vorgänger als durch subtile, aber wirkungsvolle Feinheiten. Insbesondere die Becken-Arbeit Manginis wirft die Frage auf, ob er sich vor den Studio-Sessions noch schnell einen dritten Arm hat anpflanzen lassen. Außerdem ist das Schlagzeug wieder mehr Basis der traumtheatralischen Rhythmusmaschine, nicht wie zuletzt beinahe ein Solo-Instrument. Mangini agiert zudem straighter, was sich zuletzt auch live positiv bemerkbar machte. So herausragend war die Schlagzeugarbeit bei DREAM THEATER seit "Scenes From A Memory" (1999) nicht mehr.

Dass James LaBrie bei Fans als Schwachpunkt der Band gesehen wird, konnte ich übrigens noch nie ganz nachvollziehen. Spätestens seit dem Ausstieg Mike Portnoys ist der Kanadier wieder mit ganz viel Elan dabei, seine Gesangslinien passen besser zu seiner Stimme und ich könnte mir keinen besseren Sänger für DREAM THEATER vorstellen. Die Vorab-Single 'The Enemy Inside' beweist das ebenso eindrucksvoll wie das bereits erwähnte 'Illumination Theory', bei dem Meister LaBrie zu Höchstform aufläuft.

Ich brauche kein Geheimnis darum machen, dass ich von DREAM THEATER nicht weniger als mein Album des Jahres erwartet habe. Dass es genau das geworden ist, kann eigentlich keine Band mehr verhindern. "Systematic Chaos", "Black Clouds & Silver Linings" und "A Dramatic Turn Of Events" - alles wahnsinnig tolle Alben, aber so vernarrt in jedes kleinste Detail war ich in meiner Fan-Laufbahn bei einem neuen Album noch nie. Ja, "Dream Theater" ist das beste Album der Band seit 14 Jahren. Es benötigt zwar mehr Zeit als die Vorgänger, um sich ins Hirn zu brennen, verbarrikadiert sich dafür aber umso vehementer und lässt einen nicht mehr los. Die Fan-Seele wird überaus glücklich mit dem neuen Album der Prog-Ikonen sein. John Myung hat Texte geschrieben, mit 'Enigma Machine' gibt es wieder ein Instrumental, das es mit dem 'Dance Of Eternity' aufnehmen kann und eine "An Evening With Dream Theater"-Tour steht ins Haus. Die Welt könnte kaum besser sein. Wer so virtuos und leidenschaftlich den Metal mit progressiven Wurzeln und cineastischer Erhabenheit zu verbinden weiß, verdient die volle Punktzahl!

[erschienen unter: http://powermetal.de/review/review-Dream_Theater/Dream_Theater,22618.html ]

Punkte: 10 / 10


Dream Theater: Dream Theater

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Tracklist:

  1. False Awakening Suite
  2. The Enemy Inside
  3. The Looking Glass
  4. Enigma Machine
  5. The Bigger Picture
  6. Behind The Veil
  7. Surrender To Reason
  8. Along For The Ride
  9. Illumination Theory

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