The Elk (2013) - ein Review von Nasreddin

Thränenkind: Elk, The - Cover
1
Review
8
Ratings
7.88
∅-Bewertung
Typ: Album
Genre(s): Rock Post Rock


Nasreddin Avatar
13.11.2013 12:08

"The Elk" erzählt die Geschichte zweier Geschwister, die auf dem Weg zur Beerdigung ihres Vaters sind. 13 Songs beschreiben diese Reise, die mehr als eine geografische Abhandlung eine Reise zu Grundfragen menschlicher Existenz ist. Doch etwas der Reihe nach. Wer die Demo oder die Split-CD mit HERETOIR kennt, wird das THRÄNENKIND im (Post-) Black-Metal-Sektor verorten. Das wäre beim Full-Length-Debüt viel zu kurz gegriffen, um das Spektrum der Musik und die Inszenierung des Konzepts angemessen zu beschreiben. Wie würden wohl die Wölfe im Thronsaal heulen, gäbe man ihnen einige Wochen lang anderes Futter? Vermutlich wie unser THRÄNENKIND anno 2013.

Sicherlich gibt es hier und da Stilmittel der beschriebenen Schubladen, die Vocals kommen aber eher aus dem Hardcore/Crust-Bereich und progrockige Orientierungshilfen finden sich ebenfalls. Doch darum soll es in dieser Besprechung weniger gehen. "The Elk" ist ein Album, das seine volle Kraft nicht durch Spieltechniken, Genre-Referenzen oder eine besonders mutige Vermischung seiner Einflüsse entfaltet (obwohl ich die Musik wirklich toll finde). Die Musik, in erster Linie von Matthias geschrieben, bildet hier eine fast schon zwangsneurotische Symbiose mit den Texten, ohne die man dieses Album nicht in seiner gesamten Substanz wahrnehmen kann.

Während die Geschwister sich also auf den Weg zur Beisetzung machen, kehren sie in ihre Heimatstadt zurück und werden mit Kindheitserinnerungen konfrontiert, durchleben Vergangenes, das hätte nicht aufgewühlt werden sollen. Wenn ich Zeilen wie "You can't imagine how loud we had to turn it / to drown out the fathers yelling / not to hear the mothers weeping / to be save from the noise" verfolge, erscheint mir diese Selbstreflexion gleichermaßen erschütternd wahrhaft als auch ironisch, denn ich selbst habe in diesem Augenblick die Anlage bis zum Anschlag aufgedreht und werde von "The Elk" in einen Strudel musikalischer Hermeneutik gesogen. Mit jedem Song mehr, den ich höre und jeder Rotation, die die LP erfährt, verändert sich mein Blick auf das Aufgenommene, und plötzlich denke ich über mich selbst nach.

An diesem Punkt scheitert der Großteil der Musik, den man zur Begutachtung erhalten kann. Auch ich gebe mich oft damit zufrieden, auf hohem Niveau unterhalten zu werden. Doch das THRÄNENKIND verfolgt einen anderen Anspruch und liefert mit dieser Platte genau die Seelennahrung, die sich auf der fortwährenden Suche nach sich selbst befindliche Köpfe brauchen. Bis zum Zeitpunkt des Hörens war ich nicht davon ausgegangen, mich derart in einem Geäst kaleidoskopischer Betrachtungen zu verstricken. Widerstand ist aber zwecklos. Würde ich mich wehren, schnitten sich die aufkeimenden Gedanken und Erinnerungen bloß tiefer in die klaffenden Wunden, die die Musik THRÄNENKINDs aufgerissen hat.

Die Texte weisen in ihrer Verbindung mit der traurig elegischen Musik keine Antworten auf, und das wollen sie auch nicht. "The Elk" möchte zum Nachdenken anregen, und zwar über den Kosmos der subjektiven Entität hinaus. Es lassen sich so viele Fragen anhand der verarbeiteten Motive reflektieren, dass es meiner Meinung nach auch keine zu beanspruchende Deutungshoheit geben kann. Nach einem Gespräch mit dem Schöpfer dieser Musik sehe ich mich allerdings in vielen Aspekten bestätigt, die mir teils affektiv, teils grübelnd zu Gemüte gestiegen sind. Sie haben alle eines gemeinsam: den sich beinahe selbst verzehrenden Hunger nach Sinnhaftigkeit und Erfüllung. Ganz gleich, ob im gesellschaftlichen Kontext oder rein auf sich selbst bezogen. Wenn man es zulässt, führt einen diese Musik auf verschiedenen Wegen immer wieder zu sich selbst. Und man fragt sich, welche Bedeutung das Selbst im sozialen Kontext wohl spielen mag. Gespielt hat, spielen wird.

Nach dem Verfassen dieser Zeilen erscheint es mir beinahe grotesk, Punkte zu vergeben oder "The Elk" neben vielen anderen Veröffentlichungen aufgrund musikalischer Gemeinsamkeiten zu positionieren. Eines ist hoffentlich klar geworden: Die erste LP des THRÄNENKINDs ist keine Gute-Laune-Musik für das sommerliche Grillen oder eine Fahrt im Cabrio. Da aber viele Menschen immer noch das Bedürfnis verspüren, aus Musik mehr herauszuziehen als kurzlebige Unterhaltung, bin ich hoffentlich nicht der Einzige, der diese Eindrücke von "The Elk" gewonnen hat. Das ist vertonte Hoffnungslosigkeit, die sich letztlich nicht einfach beiseiteschieben lässt, sondern verarbeitet werden muss und irgendwann so unscheinbar aufblüht wie die Pflanze auf der verlassenen Wiese des Plattencovers. Trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, dass ich dieses Review nur für mich selbst geschrieben habe.

[erschienen unter: http://powermetal.de/review/review-Thraenenkind/The_Elk,22535,22436.html ]

Punkte: 9 / 10


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