Min Tid Skal Komme (1995) - ein Review von Janeck

Fleurety: Min Tid Skal Komme - Cover
1
Review
9
Ratings
9.17
∅-Bewertung
Typ: Album
Genre(s): Metal Black Metal, Progressive Metal


Janeck Avatar
03.09.2011 11:01

Neben VED BUENS ENDE, ARCTURUS, IN THE WOODS und SOLEFALD gehören FLEURETY aus Norwegen zu den frühen Vertretern des avantgardistischen progressiven Black Metal Mitte der Neunziger.
Nach dem 93er Demo “Black Snow“ und der höllisch intensiven EP “A Darker Shade of Evil“ aus dem Jahr 1994, erschien 1995 mit “Min Tid Skal Komme“ eines der bis heute bedeutendsten und anspruchsvollsten Black Metal Werke aus Norwegen.
Noch vor VED BUENS ENDEs Meisterwerk “Written In Waters“, formten FLEURETY auf ihrem Debüt avantgardistischen Black Metal mit einer starken progressiven Note.
Die Musik dieser beiden Norweger lässt sich nur sehr schwer in Worte beschreiben.
War auf der EP “A Darker Shade of Evil“ noch eigenwilliger Black Metal mit extrem geistesgestörtem Kreischgesang zu vernehmen, überraschten die Norweger auf “Min Tid Skal Komme“ mit ungewöhnlichen Songstrukturen und eigenwilligen Songideen.
Der 70er Jahre Progressive Rock siffte aus jedem der 5 Songs und die eigenartige Rhythmik dieser 45 Minuten, gehörten damals zu den abgefahrendsten Sachen im Black Metal.
Heute gibt es natürlich technisch, sowie songwriterisch anspruchsvollere Alben im Black Metal, aber 1995 waren FLEURETY mit ihrem Debüt eine Ausnahmeerscheinung innerhalb der Szene.
Gerade der dominante Bass-Sound kam einer kleinen Innovation im doch eher höhenlastigem Sound nah. Das Gleiche gilt für den herrlich ungewöhnlichen Frauengesang der Sängerin Marian Aas Hansen, der zur damaligen Zeit in der Szene einzigartig war.
Die Gitarrenarbeit ist schroff, schräg aber zugleich auch melodisch und fordernd.
Die teilweise irrwitzigen Basslinien disharmonieren fantastisch mit den eh schon sehr schrägen Riffs und die Breaks und Tempowechsel erzeugen eine Atmosphäre, in der man hin- und hergerissen wird.
„Fragmenter Av En Fortid” eröffnet das Album mit ruhigen Tönen, die Gitarre surrt ein hypnotisches Riff, der Bass röhrt rhythmisch dazu, alles steigert sich zu einem kurzweiligen harmonischen Teil, bis nach fast 4 Minuten verrückte Riffs, treibendes Schlagzeug und der finstere Kreischgesang einsetzt.
Melodie, Harmonie, Disharmonie, Breaks und Tempowechsel, Frauengesang und psychopathisches Gekreische - alleine wie geschickt diese ersten neuneinhalb Minuten des Albums aufgebaut sind, ist die reinste schwarzmetallische Offenbarung.
Doch dies war nur der Anfang eines großartigen Album.
Mit „En Skikkelse I Horisonten“ folgt ein schwarzes Psychogramm, die vertonte Abfahrt durch abstrakte Dimensionen.
Tristesser Frauengesang und aufrüttelnde Harmonien treffen auf ätherischen Black Metal und schwarze Leidenschaft, gefolgt von progressivem Kauderwelsch und disharmonischen Klangskulpturen. Das ist alles so schräg und neben der Spur und dennoch ist jede Sekunde unheimlich stimmig und der gesamte Song strahlt eine unbeschreibliche Schönheit aus.
„Hvileløs?“, fast durchweg instrumental, erinnert mit seinen pompösen Keyboards anfänglich an ARCTURUS, kontert aber bereits nach anderthalb Minuten wieder mit Synapsen sprengenden Arrangements, beisenden Gitarrenriffs und verstörender laut/leise Dynamik.
Auch „Englers Piler Har Ingen Brodd“ glänzt mit grandiosen Frauengesang, psychedelischen Riffs, leichten Keyboardflächen und einer gespenstischen Atmosphäre.
Auf “Min Tid Skal Komme“ stellt jeder Song ein kleines Kunstwerk dar. Beängstigend abwechslungsreich und gesegnet mit unerschöpflichen Sound- und Songideen.
Das abschließende „Fragmenter Av En Fremtid“ ist genauso ungewöhnlich wie das ganze Album.
Ruhige, leicht jazzige Momente, wieder veredelt durch Marian Aas Hansens wunderbaren Gesang, lassen dieses Kunstwerk leise ausklingen.
Bis heute ist mir kein weiteres Album im Black Metal bekannt, welches eine solche Ausstrahlungskraft besitzt, komplizierte aber trotzdem harmonische Songs bietet und gleichzeitig „revolutionär“ klingt.
“Min Tid Skal Komme“ war 1995 ein genresprengendes Kunstwerk, klingt nahezu zeitlos für Black Metal Verhältnisse und ist eines der Vorreiterwerke des heute so häufig zitierten Post-Black Metal.

Punkte: 8 / 10


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