Grave Human Genuine (2008) - ein Review von Linse

Dark Suns: Grave Human Genuine - Cover
1
Review
8
Ratings
8.44
∅-Bewertung
Typ: Album
Genre(s): Metal Doom Metal, Progressive Metal


18.06.2011 17:15

Wer glaubte, DARK SUNS würden sich nach ihrem Prophecy-Debut "Existance" weiter in die seichten und bequemen Fahrwasser altgedienter Selbstläufer wie Opeth oder Porcupine Tree manövrieren, der soll hier nicht nur eines besseren belehrt werden, sondern regelrecht vor den Kopf gestoßen und in einer Nußschale treibend, einem tosenden Orkan auf offener See feilgeboten werden.
Mit "Grave Human Genuine" hat die, zum Trio geschrumpfte, Leipziger Formation ein extrem düsteres und komplexes Monstrum erschaffen, ein tonnenschweres Konstrukt, welches vor musikalischen Gegensätzen nur so strotzt und ebenso dicht wie fragil ist.
Die Bandbreite, die DARK SUNS ausloten ist so vielseitig, wie nie zuvor, geht man doch mit einer tiefen Doom-Schlagseite deutlich ein Stück zurück zum Debut "Swanlike". Ebenso, wie man mit der Einbindung von Drumloops und kalten elektronischen Elementen, sowie exotischen Rythmen und Instrumenten Neuland betritt, zumindest, was deren, stellenweise federführende Präsenz, auf diesem Album betrifft. "Grave Human Genuine" lebt förmlich von den Kontrasten, in denen diese Spielereien eingebettet sind, dem finsteren Doom auf der einen und virtuosem Jazz in seiner reinsten Form, wie er progressiver nicht sein könnte, auf der anderen Seite. Dieses Pendeln zwischen den emotionalen Schwingungen zeigt sich einmal mehr beim Gesang von Nico Knappe, der sich, wie auch der Rest der verbliebenen Mitglieder enorm weiterentwickelt hat. Bannte die Ausrichtung des Vorgängers "Existance" die erdigen Grunts noch aus der Repertoire der Sachsen, so erleben diese tiefen gesangstechnischen Einlagen nicht nur eine Renaissance, sie sind viel mehr ein adäquates Mittel zum Zweck, die immer wieder kehrende Ambivalenz zwischen totaler Leere und dem schimmernden Licht am Ende des Tunnels umso eindringlicher in Szene zu setzen. Denn im Gegensatz dazu klang auch der cleane Gesang von Nico noch nie so überzeugend und fassettenreich, wie auf "Grave Human Genuine".
DARK SUNS riskieren mit dem aktuellen Werk viel, erfinden sich neu und verlangen dem Hörer einiges ab. Fest steht jedoch, dass man die musikalische Sackgasse der Berechenbarkeit umschifft und einmal mehr die Freiheit einer unbekannten offenen See, vertrauten Küstengewässern vorgezogen hat. Ob der Band damit nun endlich die Aufmerksamkeit einer breiten Öffentlichkeit zuteil wird nach dem das, phasenweise überirdische, Niveau geradezu lechzt, wage ich allerdings erneut zu bezweifeln. Unterm Strich bleibt "Grave Human Genuine" allerdings mit Nachdruck ein postmodernes Metal-Meisterwerk, welches nicht einfach nur auf der Höhe unseres Zeitfensters ist, sondern wahrscheinlich sogar den einen oder anderen Tick des Zeigers voraus.
Die Konsequenz, mit der DARK SUNS ihre musikalischen Visionen umsetzen verlangt höchsten Respekt, allerdings auch Mut, sich ihr zu stellen.

Punkte: 9 / 10


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