Flying Colors (2012) - ein Review von Nasreddin

Flying Colors: Flying Colors - Cover
1
Review
8
Ratings
8.88
∅-Bewertung
Typ: Album
Genre(s): Rock Progressive Rock


Nasreddin Avatar
30.03.2012 13:44

Die Erwartungen an eine Supergroup sind in der Regel zu hoch. Wenn dann noch Mike Portnoy (Ex-Dream Theater) beteiligt ist, übt dieser sich auch selten in (falscher) Bescheidenheit. Bei Flying Colors hat man es mit besagtem Drum-Kraken und vier weiteren Protagonisten zu tun: Neal Morse (Ex-Spock‘s Beard, Transatlantic) bedient die Tasten. Sein Namensvetter Steve Morse (Deep Purple, Steve Morse Band, Dixie Dregs) veredelt an der Klampfe während Dixie Dregs-Bandkollege Dave LaRue für bassiges Fundament sorgt. Und dann ist da noch ein gewisser Casey McPherson, den wohl die Leser dieser Zeilen (inklusive dem Autor bis zur Vorstellung der Band) bisher nicht kennen. Das wird sich mit Flying Colors ändern. Versprochen.

So viel zur Besetzung, widmen wir uns lieber der Musik. Innerhalb von neun Tagen (!) wurde „Flying Colors“ quasi live aufgenommen. Mit Live-Feeling und Jam-Charakter startet auch gleich der erste Track „Blue Ocean“. Dave LaRue und Mike Portnoy grooven sich durch das Intro, die bluesigen Fills von Neal und Steve Morse zeigen schonmal wo es musikalisch (auch) hingeht bis Casey McPherson nach einer Minute die ersten Zeilen des Albums einsingt. Dass die vier Instrumentalisten allesamt anerkannte Koryphäen sind, ist klar. Das beste ist: Der Gesang steht dem in nichts nach! Mit seinem sehr hellen Timbre erinnert er stark an Neal Morse‘ Gesang bei Transatlantic ohne dabei wie eine Kopie zu wirken. Überhaupt wird es natürlich viele Anklänge dieser Prog-Supergroup bei Flying Colors geben, was beim besten Willen kein Nachteil ist. Flying Colors ist eigenständig genug um sich aus diesem scheinbar übermächtigen Schatten lösen zu können. „Blue Ocean“ jedenfalls ist ein toller Opener, bei dem immer wieder viel an den Instrumenten passiert, während McPherson unbehelligt den Frontmann mimt. Dazu noch ein typisches Steve Morse-Solo in gewohnter Qualität und fertig ist die erste Nummer, die aus den Boxen schallt. Mit sieben Minuten der zweitlängste Song des Albums, auch daran kann man erkennen, dass nicht die üblichen Prog-Klischees bedient werden.

„Shoulda Coulda Woulda“ beginnt mit einem starken Mike Portnoy, der das Fudament für die wohl härtesten Gitarren auf „Flying Colors besorgt”. Sobald der Gesang mit Kopfstimme einsetzt, bekommt der Song ein ganz anderes Feeling als „Blue Ocean“. Abwechslung wird hier groß geschrieben! McPherson hat einige klangliche Facetten zu bieten, die alle auf ganzer Linie begeistern. Das größte Problem für mich bislang: Man muss einen Song etliche Male gehört haben um auch wirklich alles zu erfassen. Wenn ein Album jedoch so stark ist wie „Flying Colors”, unterzieht man sich diesem Procedere gerne.

Mit einem ruhigen gezupften Gitarrenintro beginnt „Kayla“. Dazu eine geniale Gesangslinie und schon ist dieser Song besser, schöner anzuhören als das, was andere Bands auf ganzen Alben fabrizieren. Es wäre unfair zu behaupten, der Rest des Songs sei „unspektakulär“. Es ist vielmehr so, dass die Songs kompakt arrangiert wurden. Natürlich ist für ein weiteres gefühlvolles Solo von Steve Morse Platz. Auf Instrumental-Ausbrüche und allzu verschachtelte Strukturen wie bei anderen Projekten der Musiker wird hier weitestgehend verzichtet. Ein Kritikpunkt soll das aber nicht sein. Die Qualität eines Songs kann man bekanntlich nicht an seiner Länge messen.

Obwohl Casey McPherson auf dem nächsten Track „The Storm“ Neal Morse am unähnlichsten klingt, duftet das allgemeine Songwriting stark nach dem des christlichen Prog-Missionars. Der Refrain lädt zum mitsingen ein und wird live bestimmt ordentlich abgefeiert. Hatte ich bis jetzt erwähnt, dass Mike Portnoy sich nicht – wie oft behauptet – nur nach allen Regeln der Kunst austoben muss sondern noch viel mehr songdienlich spielen kann? „The Storm“ ist neben den anderen zehn Songs ein Beweis, wie meisterhaft er sein Schlagzeugspiel anbietet ohne als zweiter Frontman durchgehen zu wollen.

Ein Stück weit funky kommt „Forever In A Daze“ daher. Dave LaRue zeigt uns den Slapdaumen und erzeugt mit Portnoy ein geiles Laid-Back-Feeling. Zumindest bis zum Refrain, denn der klingt ziemlich rockig mit Mainstream-Appeal. Auch das fügt sich wunderbar zusammen und klingt nicht nach einem wilden Stilexperiment, das so mancher Kritiker vorab vermutet hatte. Hier dürfen dann die Saitenhexer mal etwas frickeln. Und zwar genau in dem Maß, dass man nach jedem neuen Ton lechzt ohne das Gefühl zu haben, hier wird reines Griffbrett-Gewichse demonstriert.

Schon fast poppig geht es mit „Love Is What I‘m Waiting For“ weiter. Harmonie- und Backing-Vocals ergänzen eine erneut absolut beeindruckende Gesangsleistung von Casey McPherson. Stellenweise Parallelen zu Queen lassen sich nicht von der Hand weisen. Der Klassikeinschlag von Steve Morse kommt hier ebenso zum Vorschein wie das vorhin abgesprochene Live-Feeling. Wenn ich es nicht besser wüsste, müsste ich behaupten es handle sich um die (perfekt vorgetragene) Live-Version eines Konzertes.

Nach einem gemäßigten Intro präsentiert sich „Everything Changes“ als Ballade mit leichtem Cat Stevens-Touch. Ob hier bei Streichern und Kopfstimme eher Gänsehaut oder Kitsch-Stimmung genannt wird, liegt wohl ganz in der Sicht des Hörers. Durch die vielen Details mausert sich diese Nummer und lädt zum genauen Hinhören ein. Denn es gibt noch den zweiten Teil des Songs mit Morse-Gitarrensolo und einem harmonischen Einschlag wie er auch bei Transatlantic gespielt werden könnte.

Erneut ruhig folgt schließlich „Better Than Walking Away“, bei dem auch Neal sich ans Mikro begeben darf. Ein wahnsinnig gefühlvolles Gitarre/Bass-Duo trägt auch hier zur Wohlfühlstimmung bei. Man bekommt einfach richtig große Lust, diesen Song immer und immer wieder zu hören. Wenn alles stimmt muss halt auch nicht ständig etwas neues passieren um einen großartigen Song abzuliefern. „Better Than Walking Away“ ist das beste Beispiel dafür.

Der krasse musikalische Gegensatz folgt mit „All Falls Down“ auf den Fuß. Power-Drumming, Saiten-Unisonoläufe und richtig Tempo eröffnen die meiner Meinung nach stärkste Nummer auf „Flying Colors”. Der Gesang kommt total unerwartet aber passt wie die Faust auf‘s Auge. Wahnsinn, was hier für eine Energie freigesetzt wird. Selbst live lechzen andere Bands danach. Die Spielfreude springt dem Hörer förmlich ins Gesicht und ich bekomme schon feuchte Augen wenn ich daran denke, wie überirdisch vor allem Steve Morse und LaRue auf einer Bühne zu diesem Song abrocken würden.

Mike Portnoy ist zwar nicht so ein begnadeter Sänger wie Casey McPherson aber seine Lead-Vocals auf „Fool In My Heart“ brauchen sich nicht zu verstecken. Seine Stimmfarbe ergänzt das ohnehin bluesige Feeling des Songs und macht ihn zu einem erneut abwechslungsreichen Geniestreich des Kollektivs. Ein weiteres Gitarrensolo? Nehmen wir gerne mit. Schade, dass es so schnell wieder vorbei ist.

Auch schade ist, dass jetzt mit „Infinite Fire“ schon der letzte Track eingeläutet wird. Zwölf Minuten lang verzaubern uns die Herren noch einmal bevor mein CD-Player im Repeat-Modus die Reise von neuem beginnen lässt. Deutlich ausgelassener wurde hier arrangiert, die Instrumente bekommen mehr Raum und jeder zeigt noch einmal, was er drauf hat. Sei es der zweistimmige Gesang von Neal und Casey oder die fabelhafte Rhythmusgruppe, hier stimmt (erneut) einfach alles. Ein multipler Orgasmus für den geneigten Prog-Fan. Die letzten Takte von „Flying Colors” werden von Gesang durch Neal Morse begleitet während der Rest der Band sich austobt. „Infinite Fire“ dürfte in Zukunft live ein absoluter Kracher werden.

Ich jedenfalls muss mich nach knappen 60 Minuten wieder fangen, bevor ich noch zwischen den Lautsprechern hin- und herrutsche um dem Musik-Gott zu huldigen. Der Prog ist tot – es lebe der Prog. Besser als Flying Colors mit ihrem Debüt kann man es nicht machen. Flying Colors demonstrieren die hohe Kunst, wie ein Schmelztiegel weit mehr als Durchschnittsware hervorbringen kann. Nach ungefähr sieben Durchläufen, davon drei am Stück, steht für mich fest: Flying Colors verdienen die Höchstnote. Ein absoluter Pflichtkauf für jeden Hörer anspruchsvoller Rockmusik und alle Metaller, die gerne über den Tellerrand schauen und ihren Idolen beim zaubern zuhören wollen.

(10/10 Punkte)

geschrieben von mir und erschienen auf rockandrollcircus.de (http://www.rockandrollcircus.de/redaktionstipp-flying-colors-flying-colors/032219)

Punkte: 10 / 10


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Tracklist:

  1. Overture
  2. Open up your eyes
  3. Bombs away
  4. Kayla
  5. Shoulda coulda woulda
  6. The fury of my love
  7. A place in your world
  8. Forever in a daze
  1. One love forever
  2. Colder months
  3. Peaceful harbor
  4. The storm
  5. Cosmic symphony
  6. Mask machine
  7. Infinite fire

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