Deaf Dumb Blind (1993) - ein Review von metal lounge

Clawfinger: Deaf Dumb Blind - Cover
1
Review
22
Ratings
8.52
∅-Bewertung
Typ: Album
Genre(s): Rap/Hip Hop Rap Metal
Hardcore


11.09.2015 22:18

Jetzt hab ich Lust, mir mal ein paar Alben aus den 90er Jahren vornehmen, die damals nicht nur für mich verdammt wichtig waren. Frühe 90er und Jahrzehntmitte, eine unglaublich tolle Zeit, als niemand von meinen Spezln, mit denen ich damals Musik gehört habe, bei RAGE an die deutsche Heavy Metal-Band gedacht hat. Nein, das AGAINST THE MACHINE haben wir nur weggelassen. (Ich habe als Einziger beide Bands sehr gerne gehört, die immer noch tolle Scheibe „Trapped!“ war eine meiner ersten gekauften CDs.)

Den Anfang sollen aber erst mal CLAWFINGER machen, die schwedischen Crossover-Könige. „Deaf Dumb Blind“ hat uns eigentlich alle gleichermaßen weggehauen. Ein Wahnsinnswerk, das deutschlandweit in keiner Metal-/Alternative-/Crossover-Disko fehlen durfte. In meinem/unserem Fall war das das Münchner Liberty.

Ein ungeheuer frisches Album, was an dem klasse Songmaterial selbst und auch an der ungewohnten Art der Aufnahme und der Produktion liegt: „This record is loaded with samples, loops and no guitar amps“ ist im Booklet zu lesen. All das ist aber trotz all der Scratches und Elektrospielereien so klasse gemacht, dass DDB letztlich doch irgendwie als ne Metalplatte durchgeht. Ein zumindest für 1993 neues, ungewohntes Metalalbum, im Rückblick nach über 20 Jahren mag es schon beinahe altbacken klingen, möchte man zunächst denken. Doch nein, das Ding ist auf seine Weise immer noch spritzig und irre groovig. Das nötige Aggressionslevel stimmt auch, dank des Zorns über die besungenen Miss-Stände. Und nennt es Modern Metal oder Rap Metal, wenn ihr wollt. (Klar, die Rap- und Hip Hop-Fans haben Zak Tells Sprechgesangsleistung skeptisch gegenübergestanden.) Für Genrepuristen ist das freilich nach wie vor nichts, aber die Band ist ja auch nicht angetreten, um Allen zu gefallen. „Das ist kein Metal, das ist Müll!“ o. Ä., hab ich oft gehört. Bitte sehr, ihr hattet und habt je nach Sichtweise zumindest in Bezug auf den ersten Teil des Satzes ja Recht. Und irgendwie auch wieder nicht. Aber egal. Bleibt man am Besten bei der Stilbezeichnung Crossover; CLAWFINGER haben hier ein mustergültiges Beispiel dafür abgeliefert, wie das im Idealfall klingen kann. Kann, wohlgemerkt, nicht muss, denn zum Glück war Crossover eine sehr vielfältige Angelegenheit: Die H-Blockx klangen komplett anders, downset wiederum anders als Dog Eat Dog usw.

Quasi aus dem Nichts kam das Ding. And right from the start they dropped the n-bomb! Mit dem klipp und klar antirassistischen Statement „Nigger“ startet DDB mit einem Kracher, neun weitere Kracher folgen. Es gibt hier nicht einen schlechten oder langweiligen Song! Nicht einen! „The Truth“ – kommt mit erstaunlich wenig Gitarren aus –, dem flotten „Rosegrove“, „Don’t Get Me Wrong“, „I Need You“. Der dramatische Suizidsong “Catch Me” mit seinen massiven instrumentalen Zwischenparts, zu denen man einfach Headbangen muss, der Antikriegskracher „Warfair“, „Wonderful World“, „Sad To See Your Sorrow" mit mächtigem und doch lockerem Groove, und abschließend „I Don‘t Care“. Alle Stücke aufgezählt: Ich sagte doch, hier sind nur Hits drauf!

Vielleicht war dem einen oder anderen auch die geballte Sozialkritik zu viel des Guten, aber für unseren geliebten Heavy Metal-Eskapismus hatten CLAWFINGER einfach keine Zeit. Und wenn man Alltagsprobleme in derartige geile Stücke packt, bitte sehr. Doch deckten sich die Themen weitestgehend mit dem seit Jahren bekannten Spektrum v. a. US-amerikanischer (Thrash) Metal Bands: Hades, Gothic Slam, Toxik, Acrophet, um mal Beispiele aus der B-Riege zu nennen, die dann ja auch vielfach an Grunge und Crossover zerbrochen sind, wie man immer noch so schön lesen kann. Und überhaupt, auch oben genanntes Werk von Rage behandelt nicht ganz unähnlich innere und äußere Konflikte. Nein, nicht RATM. Zu deren Debüt was zu verfassen, habe ich übrigens keine Lust, die haben längst schon ihre verdienten zehn Punkte bekommen.

Damals eine glatte Zehn-Punkte-Platte. Keine Diskussion.
Und heutzutage? Mal abgesehen davon, dass ich DDB vielleicht alle drei Jahre mal rauskrame…..: Ach, verdammt, immer noch volle Punktzahl! Inklusive eines gewissen Nostalgiebonus für dieses musikalische Denkmal. Doch nie mehr konnten CLAWFINGER diesem Meilenstein ein vergleichbares Album folgen lassen. Ne Eintagsfliege waren sie dennoch nicht.


Lustig übrigens, dass ich tatsächlich während des Verfassens dieses Texts einen der damaligen Spezln am Telefon habe, und dem doch glatt gleich das Nachfolgewerk „Use Your Brain“ abschwatzen kann. Nein, stimmt nicht, der rückt es gleich so raus, bevor es weiter verstaubt. Der einzige Musiksammler bin ja eh ich. Dieses Album hatte ich freilich auch mal gehabt, doch es schon relativ bald nach dem Erwerb wieder weggeben. Niemals würde ich das mit „Deaf Dumb Blind“ tun. Jetzt bin ich aber mal gespannt!

Punkte: 10 / 10


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