BAP Radio Pandora (2008) - ein Review von Spike65

BAP: Radio Pandora - Cover
1
Review
9
Ratings
8.06
∅-Bew.
Aka: Radio Pandora Box / Radio Pandora - Plugged + Unplugged
Typ: Album
Genre(s): Rock


Spike65 Avatar
23.08.2018 16:43

Das erste Studio-Album nach dem 3x10 Johre Greatest-Hits-Remake Jubiläums-Album, das von den Fans sehr zwiespältig aufgenommen wurde. Für "Radio Pandora" wurde erstmalig eine spezielle Internet-Präsenz aufgebaut, auf der die Fans an der Entstehung des Albums teilhaben und ein wenig hinter die Kulissen schauen konnten. Das Album gab es als "Plugged" und "Unplugged" Version mit z.T. unterschiedlichen Tracks und als Limited Box Edition, bei der beide Versionen in einer als Koffer gestalteten geräumigen Box untergebracht waren, die jedoch sonst keinerlei Extras enthielt. Nach der fast spartanischen Besetzung beim SONX Album lud man sich hier diverse Gäste ein. Beteiligt waren der später als Vollmitglied eingestiegene Percussionist Rhani Krija, Jo Steinebach an Pedal Steel und die schwedische Gruppe Baskery, die mit Mandoline, Banjo und Chören vor allem die Unplugged CD bereicherte. 8 Tracks sind in unterschiedlichen Arrangements auf beiden CDs vertreten, jeweils 6 sind nur auf der Plugged- bzw. nur auf der Unplugged-Variante enthalten.

Die Plugged beginnt mit "Prädestiniert", das wie der Byrds-Klassiker "Turn! Turn! Turn!" den Bibel-Text Kohelet Kap. 3 Vers 1-8 in ein rockiges Gewand verpackt, das aus Helmut Krumminga's Feder stammt. Der Song findet sich nochmals in einem luftigeren Arrangement auf der Unplugged-Variante, und war auch fester Bestandteil im Set der Unplugged-Konzerte im 3Sat-Zelt, in Bad Hersfeld und der 2014er "BAP zieht den Stecker" Tour.

"Hühr zo, Pandora" glänzt mit Stones-Licks und einem Slide-Solo von Helmut Krumminga, die Musik stammt jedoch von Wolfgang Niedecken. Ein solider Midtempo-Rocker, der sich textlich bei einer gewissen Pandora beschwert, sie solle ihre Büchse wieder einpacken und sich vom Acker machen. Nach der Bibel nun also die griechische Mythologie als Inspiration. Im Vergleich zu den sehr konkreten gesellschaftskritischen Texten der 80er wird der reifere Wolfgang Niedecken zunehmend philosophisch. Live ist die Nummer ein solider Opener, der gleich klare Verhältnisse schafft.

Ein weiterer Riff-Rocker kommt mit "Et ess, wie't ess", in dem Niedecken die Begegnung mit seiner zweiten Frau Tina nun auch mal rockig verarbeitet. 10 Jahre später findet sich das Stück nun im Cajun-Gewand nochmals auf Niedeckens Solowerk "Reinrassije Strooßekööter".

Mit "Diego Paz wohr nüngzehn" wagt sich BAP musikalisch in die Gefilde von John Lee Hooker und ZZ Top. Ein groovender Bluesgitarren-Lick unterlegt mit Jürgen Zöller's Drumstick-Arbeit auf dem Trommelrand gibt die richtige Atmosphäre für Wolfgang's Geschichte über die Sinnlosigkeit jeglicher Kriege am so skurrilen wie unnötigen Beispiel des 2008 schon lange vergessenen Falkland-Krieges von 1982. Niedecken erzählt die Geschichte des 19-jährigen Wehrpflichtigen Diego Paz. Live entwickelte sich dieser erdige Bluesrocker im Solo zu einem Duell zwischen Helmut Krumminga an der Leadgitarre und Michael Naß an der Hammond, nach dessen Klangrausch-Finale zur letzten Strophe wieder ganz spartanisch nur die Drumsticks und die Strat mit ihrem groovigen Lick einsetzten. Ein Song der sich auch auf der 2016er Tour noch im Set findet.

Deutlich ruhiger wird es nun mit "Frankie un er", Niedeckens Reminiszenz an die Studentenzeit mit spontanen Fahrten an die holländische Nordseeküste. Mit akustischen Gitarren erzählt Niedecken die Geschichte einer Männerfreundschaft, die im Alltag von Familie und Beruf verloren ging. Nach den drei plugged-only Rocknummern gibt es diesen Song wieder als plugged und unplugged Version.

Literarisch wird es mit "Wat für 'e Booch", über dessen Intro bei den Live-Konzerten aus dem Off Christian Brückner's markante Stimme aus Jack Kerouac's Buch "On the Road" zitierte. Eine sich immerwährend wiederholende Synthi-Figur bildet das Fundament der Komposition, die sich leise beginnend von der bedrohlich düsteren Atmosphäre der ersten Strophe immer lauter werdend zu einem soliden Rocker entwickelt. Krumminga's Gitarre, der Synthi von Micha Nass und Jürgen Zöller's wirbelnde Snare weben ein dichtes, fast hypnotisches Klanggeflecht.

Mit "Wolf un Skorpion" vertont Niedecken eine klassische Fabel zur Musik von Helmut Krumminga, die ein wenig an die stampfenden Rhythmen von Neil Young erinnert.

Der Song "Krohn oder Turban", zunächst als grundlegender Statement Niedeckens aus Sicht des "unbeteiligten Beobachters" zum Thema Glaube und Religion geschrieben, bekam nach Niedeckens Schlaganfall 2011 den Status seines persönlichen Glaubensbekenntnisses. Ein solider Midtempo-Rocker, zu dem Werner Kopal die Musik schrieb. Wie auch die folgenden 2 Songs einer der Songs, die es auch in der stromlosen Variante gibt.

"Noh Gulu" ist die eindringlichste Botschaft auf diesem Album. Niedecken erzählt von Jimmy und Rebecca, zwei Kindern die er auf einer Reise in den Ostkongo kennengelernt hat, wo er ein Projekt zur Resozialisierung von ehemaligen Kindersoldaten unterstützt. Die düstere Musik von Helmut Krumminga erinnert ein wenig an Bob Seger's Klassiker "Turn the Page" und paßt hervorragend zu Niedeckens Schilderung von Angst und Zerstörung. Dieser Song wurde als Benefiz-Download zugunsten des World Vision Projekts Rebound erstveröffentlicht.

In "Wa'ss loss met dä Stadt?" setzt sich Niedecken mit den Veränderungen in New York nach Nine-Eleven auseinander. Die Sicht des Besuchers, der die Atmosphäre der Angst in der früher so lebendigen Weltstadt spürt, wird von Michael Nass' bluesigen Klavierakkorden stimmungsvoll begleitet.

Von den ernsten Themen weg geht es mit "Musik, die nit stührt", dem Song über die nervtötende Dauerberieselung mit kommerzieller Musik ohne Tiefgang. Helmut Krumminga glänzt wieder mit Stones-Licks an der Gitarre, die Komposition stammt allerdings von Tastenmann Micha Nass. Beim Tourabschluß 2009 in Hanau flog bei diesem Song eine Phil Collins-LP vor Niedeckens Füße, die dieser schmunzelnd zur Kenntnis nahm.

Die Single-Auskopplung "Morje fröh doheim" knüpft thematisch etwas an "Frau, ich freu mich" an. Allerdings erzählt Niedecken eine typische Fernfahrer-Geschichte über eine am Berufs-Alltag gescheiterte Beziehung. Eingängig und radiotauglich ist die Musik dazu von Michael Nass. Auch dieser Song ist auf beiden Album-Varianten. Den Chor steuern die drei schwedischen Schwestern von Baskery bei.

Ein Dylan-Zitat inspirierte Niedecken zu "Songs sinn Dräume", einem stimmungsvollen Song über das Songwriting. Ein weiterer Signature-Song von Niedecken, der sich auch heute noch im Live-Set findet. Auch hier ist die getragene Musik vom Pianisten Michael Nass.

Nach dem Zitat nun eine vollständige Dylan-Übersetzung. Sein Klassiker "Forever young", geschrieben für Sohn Jacob zur Geburt, wird hier von Niedecken ins Kölsche übertragen und von der Band im Studio recht nah am Original interpretiert.

Der Opener der Unplugged-CD entführt den Hörer musikalisch wie textlich in die marokkanische Wüste. Augenzwinkernd mit "Magdalena (weil Maria hatt ich schon)" betitelt Niedecken die Schilderung einer Urlaubs-Ende-Abschiedsstimmung auf der Heimreise allein im Auto, während Frau und Kinder mit dem Flugzeug schon bald zuhause sind. Ein weiterer Codename für Tina, um Abnutzungserscheinungen zu vermeiden und den in "Jupp" beschworenen Mythos von "Dausend Fraue" aufrecht zu erhalten. Rhani Krija, selbst ein Marokkaner, zaubert an der Percussion den Soundtrack des Orients. Auch alle folgenden Songs sind nur auf der Unplugged Version.

"Enn ner Naach wie der" wäre fast auf einem Helmut Krumminga Solo-Album gelandet, wurde dann aber doch bei BAP verwendet mit Niedecken-Text über den Moment, in dem der Funke überspringt. Eine akustische Gitarrenballade, die leise aber eingängig daherkommt. Bei einer Zöller-Session in Karlsruhe gab es auch mal eine hochdeutsche Krumminga-only Fassung zu hören.

Mit "Senor" kommt eine weitere Dylan-Übersetzung. Zu Anfang ein Hauch von Flamenco-Gitarre von Helmut Krumminga über Niedeckens Wanderklampfe, nach der ersten Strophe gesellt sich das Akkordeon von Michael Nass dazu und verschiebt das Arrangement ein wenig mehr in Richtung Montmartre, während Rhani Krija mit zurückhaltenden Bongos der Sache Rhythmik verleiht.

"Duude Bloome" ist Niedecken's Hommage an "Dead Flowers" von den Rolling Stones. Live eine wunderbare nicht allzu ernste Mitsing-Nummer, die dank der akustischen Gitarren auch lagerfeuertauglich ist. Beim schon erwähnten Tourabschluß in Hanau flogen bei diesem Song jede Menge verwelkter Blumen auf die Bühne.

Wieder eine an Neil Young erinnernde Akustik-Nummer ist "Dä letzte Winter em letzte Kreech". Niedecken erzählt die Geschichte seines Großvaters der im hohen Alter vor Kriegsende mit Frau und vier erwachsenen Töchtern sich in den Notzeiten irgendwie durchschlagen mußte.

"Jed Körnche Sand" basiert wiederum auf einem Bob Dylan Song: "Every Grain of Sand" war die Vorlage, die Niedecken ins Kölsche übersetzt hat und die BAP mit Dobro und Geige von Baskery veredelt als 6/8tel-Takt Nummer irgendwo zwischen Neil Young, Ry Cooder und eben Bob Dylan arrangierte. Auch hier wieder hochphilosophische Betrachtungen über Leben und Tod mit dem Grundgedanken, daß einer das alles so vorbestimmt und jedes Körnchen Sand gezählt hat - womit der Bogen zum Anfang der Plugged-CD geschlagen wird, wo der Opener "Prädestiniert" mit anderen Worten zum gleichen Resultat kommt.

Nicht die beste Scheibe aus der Krumminga-Phase von BAP, aber doch eine hörenswerte mit musikalischer Vielfalt. Niedeckens Texte sind schon länger eher weg vom aktuellen Tagesgeschehen und gehen mehr ins Philosophische, und auch die Geschichten werden immer weniger, dafür autobiografischer. Die Arrangements sind stimmig und ausgefeilt: Eine erwachsene Scheibe einer reifen Band. Für mich damals 2008 der Beginn einer Geschichte, die mich unter anderem auch hierher auf diese Seite führte.

Punkte: 8.5 / 10


Bap: Radio Pandora (Unplugged)

Audio CD

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Tracklist:

  1. Magdalena (weil Maria hatt ich schon)
  2. Enn 'ner Naach wie der
  3. Kron Oder Turban
  4. Señor
  5. Hühr Zo, Pandora
  6. Duude Bloome
  7. Prädestiniert
  8. Frankie Un Er
  9. Morje Fröh Doheim
  10. Noh Gulu
  11. Wa'ss Loss Met Dä Stadt?
  12. Dä Letzte Winter Em Letzte Kreech
  13. Songs Sinn Dräume
  14. Jed Körnche Sand