BAP Aff Un Zo (2001) - ein Review von Spike65

BAP: Aff Un Zo - Cover
1
Review
5
Ratings
8.20
∅-Bew.
Typ: Album
Genre(s): Rock


Spike65 Avatar
04.05.2018 11:24

Das erste "richtige" Album in neuer Besetzung, und Helmut Krumminga zeigt gleich, wer hier der neue Kapellmeister ist: 9 der 16 Songs sind seine Kompositionen, Jens Streifling steuert 4 Musiken bei, eine reine Niedecken-Komposition, ein Niedecken/Nass-Song und ein eingekölschter Leonard Cohen Song komplettieren die Tracklist, wobei 2 Songs nur auf der erstmalig wieder erhältlichen Vinyl-Version zu bekommen sind. Musikalisch bietet dieser Longplayer eine große Vielfalt vom Gitarrenrocker über Reggae, Latin-angehauchtes und strophenreiche Klampfensongs bis zu stillen Klavier- oder Gitarrenballaden, so daß man sogar den fehlenden Quoten-Rock'n'Roll gar nicht vermißt.

Mit der Rückschau "Wat 'e Johr" beginnt die Scheibe verhalten rockig. Niedecken faßt nochmal das Jahr seit Sommer 1999 mit dem großen Umbruch in der Band, der ersten Tour der neuen Besetzung und den ersten beiden Alben zusammen. Ein solider Midtempo-Rocker, der klarmacht, daß die doch eher akustische Tonfilm-Scheibe nicht der neue Standard sein wird.

"Aff un zo" präsentiert sich mit fettem Bläser-Lick zwar vom Genre her als Reggae, ist aber im BAP-Jargon nur als der "Klatschmarsch" bekannt. Textlich reiht Niedecken Lebensweisheiten mit dem Tiefgang von "Heile heile Gänsje" aneinander - das perfekte Material für eine Hit-Single, und tatsächlich wird die Single auch der zweitgrößte BAP-Hit nach der '88er Single "Fortsetzung folgt". Krumminga zeigt, daß er ein Händchen für Ohrwürmer hat. Der Song hält sich seit 2001 fast ohne Unterbrechung penetrant in den Setlisten der Konzerte.

"Eddie's Radio Show" ist die Hommage an Radio-Moderatoren wie Werner Reincke vom HR, mit dem Niedecken gut befreundet ist, und die eine aussterbende Spezies bilden in der Welt des von computer-erzeugten auf Verkaufszahlen basierenden Playlists beherrschten Format-Radios. Auch hier rockige Gitarrenarbeit vom Ostfriesen im neuen BAP-Line-up, dazu vielstimmiger Chorgesang beim Refrain - auch ein Markenzeichen der neuen Besetzung.

Mit "Shoeshine" geht es karibisch weiter. Der Song malt die Stimmung in einer Hotel-Lobby auf einer Urlaubsinsel, wo Niedecken Silvester und Jahrtausendwechsel verbracht hat. Die Hauptfigur ist der alte Schuhputzer, der die Hotelgäste nach ihrem Schuhwerk taxiert - eine Prise Gesellschaftskritik gut verdaulich in eine Buena-Vista-Social-Club-Musik verpackt mit einem Refrain, der sich gut mitsingbar im Gehör festkrallt. Den Song gab's als auch Single in einer auf Schuhcreme getrimmten Metalldose.

Nach vier relativ starken Nummern geht es mit "Mau Mau" in die Abteilung "Füller". Das Kartenspiel Mau-Mau darf herhalten für philosophische Vergleiche mit dem Leben. Arrangiert ist das ganze als Midtempo-Rock mit relativ cleanen Strat-Sounds mit ordentlich Hall und Tremolo, was dem Ganzen einen Hauch von "Peter Gunn" und Sixties gibt.

"Die Moritat vun Jan un Griet" vertont eine alte Kölsche Legende aus dem Dreißigjährigen Krieg recht rockig und - auch neu im BAP-Sound - mit zeilenweisem Wechsel zwischen Leadgesang und Chor. Helmut und Jens weben mit Lead- und Rhythmusgitarren-Akkorden einen dichten Wall-of-Sound. Insgesamt geht die Nummer aus Jens Streifling's Feder gut nach vorne.

Bei "Kilometerweit entfernt" wird es wieder akustischer. Ein unaufdringlicher Midtempo-Song, in dem Niedecken den Zustand der "weltentrückten Verliebtheit" aus der Sicht des Beobachters schildert. Vielleicht schwingt auch ein wenig selbstironische Rückschau im Text mit nach mittlerweile fast 10 Jahren in zweiter Ehe.

"Souvenirs" ist einer der Songs, die sich länger halten sollen in den BAP-Live-Sets, und kommt ebenfalls als Midtempo-Gitarrensong daher mit ohrwurm-mäßigem Mitsing-Refrain. Der Text ist eine Auflistung von Erinnerungsstücken an vergangene Touren, Begegnungen und natürlich auch die ein oder andere Erinnerung an Reisen mit Niedeckens aktueller Herzdame Tina.

"Istanbul" trägt ganz ohne Frage die musikalische Handschrift von Tastenmann Michael Nass und bringt nach den rockigen und sonnig-optimistischen nun eine elegische, neue Farbe ins Album. Mollige Klavierakkorde in ruhigem Tempo untermalen Niedeckens nachdenklich vorgetragenen Gesang. Textlich geht Niedecken mit einem imaginären Weggefährten ins Gericht, dem er vorwirft, sich verkauft zu haben und in die Oberflächlichkeit des Kommerzes abgerutscht zu sein. Manch einer mag da einen Seitenhieb auf den 1999 ausgestiegenen Gitarristen und BAP Chef-Komponisten Klaus "Major" Heuser hineininterpretieren. Ob das zutrifft bleibt offen, aber Biografien wie die geschilderte gibt es sicher zuhauf im Musikgeschäft, denn am Ende sind wohl die wenigsten Musiker in der glücklichen Lage, sorgenfrei und ohne Kompromisse machen zu müssen von ihrer Kunst zu leben.

Doch bevor die traurigen Töne Überhand nehmen, kommt mit "Chippendale Desch" ein weiterer Gute-Laune-Song, in dem Niedecken seiner nicht lange zuvor verstorbenen lebenslustigen Mutter ein Denkmal setzt und sich nochmals bei ihr dafür bedankt, daß sie ihn immer bedingungslos unterstützt hat. Der Song beginnt leise mit Gitarre, die den groovenden Grundrhythmus des Songs vorgibt und baut im Verlauf der 4 Strophen immer weiter auf. Im Verlauf der Jahre hat sich dieser Titel zu einem der Fan-Favourites entwickelt und findet sich in einer an Americana- und Cajun-Sound orientierten Version auch auf dem 2017 erschienenen Niedecken Solo-Album "Reinrassije Strooßekööter". Der Songtitel bezieht sich auf den Tisch, der auf dem Albumcover von "Zwesche Salzjebäck un Bier" abgebildet ist, und der mittlerweile in Niedeckens Arbeitszimmer steht.

"Noh Zahle mohle" ist ein weiterer Midtempo-Gitarrensong, der gefällig daherkommt aber neben den Highlights der Scheibe ein Schattendasein fristet. Niedecken schildert darin relativ unspektakulär eine Emanzipationsgeschichte.

"Suwiesu" entpuppt sich als weiteres Highlight des Albums, denn was als leise Klampfenballade beginnt, entwickelt sich zu einem majestätischen Finale furioso mit einem Guitar-Wall-of-Sound. Einer der wenigen BAP-Songs, bei dem Niedeckens Stimme im Refrain per Effekt verfremdet wird: Die neue BAP-Besetzung ist experimentierfreudig. Der Text hat starke Parallelen zu "Schluß, aus, okay", das ebenfalls bei den "Aff un zo" Sessions entsteht und als Single veröffentlicht wird. Das Bild des gegen den Strom fahrenden Schiffes und das Motiv des Flusses, meist auf den Rhein bezogen, findet sich immer mal wieder in Niedeckens Texten.

"Irjenden Rock'n'Roll Band" besetzt die Kategorie "Konzert-Opener" für die Aff-un-zo-Tour: Ein knackiger Riff-Rocker geschrieben über die Aufnahme-Situation auf Mallorca, wo die Band sich für die Aufnahme-Sessions außerhalb der Saison in einer Villa eingemietet hat. Hier zeigt Krumminga, daß er die dreckigen Stones-Licks beherrscht und eine Halle gleich mit dem Gitarren-Intro zum kochen bringen kann.

Den Schlußpunkt des Albums bildet der wohl eindringlichste Song:"Dir allein" geht ins Innerste und ist ein Mutmacher für die dunkelsten Augenblicke und schwersten Momente im Leben. Auch hier wieder eine Musik, die sich von ganz leisen Tönen allmählich ins hymnenhafte steigert und in einem nimmer enden wollenden Gitarrensolo kulminiert. Der Song ist eng mit dem Andenken an Sheryl Hackett verbunden, die sich bei diesem Song immer wieder grandiose Duelle mit Helmut's Leadgitarre beim Schlußsolo lieferte.

Die Remaster Bonus-CD ist sehr reichhaltig ausgestattet mit 7 Outtakes und Single-Tracks plus 5 Live-Versionen. Leider aber ist die Remaster-Version nicht mehr im Handel und auch gebraucht kaum noch zu finden.

Punkte: 8.5 / 10