Schädling (2008) - ein Review von DarkForrest

:Wumpscut:: Schädling - Cover
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Review
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Rating
7.00
∅-Bewertung
Typ: Album
Genre(s): Dark Wave/Gothic Industrial


DarkForrest Avatar
17.07.2016 18:48

Wenn man anfängt, :Wumpscut: zu hören muss man sich zuerst fragen, wo man überhaupt einsteigen soll. So groß ist die Auswahl an Alben mittlerweile und es werden jedes Jahr mehr. Okay „Music For A Slaughtering Tribe“; „Dried Blood Of Gomorrha“ oder „Embryodead“ sind sicherlich erstmal gute Ansatzpunkte, aber was, wenn man die Klassiker alle durch hat? So ging es mir damals, als ich mich 2011 intensiver mit dem Projekt befasst habe. Da ich „Fuckit“ bereits kannte und ziemlich gut fand, habe ich einfach mal wahllos zum Vorgänger „Schädling“ aus dem Jahr 2008 gegriffen, frei nach dem Motto „What could possibly go wrong?“. Wirklich rein gekommen bin ich damals allerdings nicht. „Schäbiger Lump“ und „Rifki“ sollten Stammgäste auf meiner Playlist werden, alles andere ist schnell in Vergessenheit geraten und ich habe mir das Album glaube ich nie wirklich aufmerksam am Stück angehört. Ein guter Zeitpunkt, das mal ein paar Jahre später nachzuholen also und den Schädling mal genau unter die Lupe zu nehmen.

Wie immer muss ich natürlich zumindest inhaltlich das volle Programm haben, was bei mir bei jedem :Wumpscut:-Album bedeutet, dass ich diese verkackte Remix-CD brauche. Da mir damals die 2-CD Polybox Edition entgangen ist oder sie nicht verfügbar war, blieb mir nur die harte Tour übrig, also mir gleich die Schädlingsbox zu kaufen. Jetzt habe ich unter anderem ein Poloshirt, dass mir nicht steht, eine Flagge, die ich nie aufgehangen habe und sogar einen verfickten Kühlschrank Magneten mit dem Weyland-Yutani-Corporation Logo aus der Alien-Reihe (ich weiß, dass das das :W:-Logo darstellen soll). Hurra! Aber eben auch die begehrte Remix-CD.

An der äußeren Gestaltung gibt es diesmal wirklich nix zu meckern. Egal ob das klassische Cover auf der CD oder das alternative auf der Box: beide sind angenehm düster aber dezent genug, um nicht albern zu wirken und das Pergament-Booklet wirkt sehr hochwertig.

Mit „Rusty Nails From Hell“ legt „Schädling“ dann gleich mal munter los und stellt einen poppigen Durchschnittssong dar, der nichts so richtig falsch macht. Er geht gut in’s Ohr, beim Refrain wippt man gerne mal mit dem Kopf mit und man kann ihn sich wirklich mehr als einmal geben, aber er ist auch nichts, wofür man jetzt extra dieses Album bräuchte.

Ein anderes Kaliber ist da schon „Schäbiger Lump“, welcher mit Samples von Roland Freisler untermalt ist. Leider macht Rudi Ratzinger ja gerne mal provokante Songs, die außer der Provokation an sich nix zu bieten haben (die Aufmerksamkeit hat man dann ja eh). „Schäbiger Lump“ gehört nicht dazu. Musikalisch durchaus originell fällt er sofort positiv auf und ich bin erstaunt, wie gut Rudis Vocals, die Musik und Roland Freisler zusammenpassen.

„Oh How It Feels“ nimmt dann ziemlich das Tempo aus dem Album. Das Stück fängt noch schön und mysteriös an, wird dann aber nach kurzem Intro ziemlich öde. Zu stumpf, zu unspktakulär und sehr schnell vergessen. „Foretold“ ist auch nicht gerade der ultimative Tanzflächenfüller, dafür ist das Ding viel zu sperrig. Aber im Gegensatz zum Vorgänger kann hier schon ein wenig düstere Atmosphäre aufgebaut werden. Als Ambient-Nummer also garnicht so verkehrt, wenn auch etwas ungewohnt.

Bei „Break The Seal“ wird es mir dann aber wirklich zu minimalistisch. Ich habe nichts gegen instrumental-Stücke von :Wumpscut:, ganz im Gegenteil, aber das hier wirkt einfach nur unfertig auf mich. In der Form hätte ich es auf einer Compilation wie „Blutkind“ erwartet, aber nicht auf einem Album.

„Rifki“ war der zweite Song, der mich damals schon begeistern konnte und das nicht umsonst. Auch hier stimmt das Tempo und obwohl ich mit den Lyrics nichts anfangen kann (ja ich weiß, irgendwas mit „Midnight Express“ – ich habe den Film nicht gesehen), habe ich sofort das Bedürfnis bei jedem Refrain „Rifki Rifki Rifki“ mit zu schreien und freue mich über einen ziemlich einzigartigen und abgedrehten Song.

„Enemy“ klingt so ähnlich wie „Rusty Nails From Hell“ ohne große Ecken und Kanten, aber leider noch weniger mitreißend und dadurch doch sehr blutleer. Die Grundidee ist dabei garnicht so übel, aber die Umsetzung wirkt altbacken. Ein Remix hätte da vielleicht was dran drehen können.

„Hard To Bear“ ist das zweite Instrumental und lässt sich zum Glück besser ertragen, als der Name vermuten lässt. Interessanterweise klingt der Song ziemlich gechillt und fast schon fröhlich im Kontrast zum eher düsteren und langsamen Album. Aber ich freue mich über den kurzen Moment der Leichtigkeit.

„Spuuk (Now Is Over)“ ist dann wieder ein ganz minimalistischer Ambient-Track, der mir so garnichts gibt. Okay, er steigert sich gegen Ende an Intensität, aber für mich bleibt er trotzdem öde wie Sau. „Moloch“ dagegen kann als erster Song den Stil bei mir voll und ganz vermitteln, den „Schädling“ schon die ganze Zeit anpeilt. Unglaublich düster und schwer lässt sich dieser Song fast 7 Minuten Zeit und besteht alleine schon aus knapp 2 Minuten Intro, bis zum ersten mal Vocals kommen. Ohne viel Brimborium schafft „Moloch“ eine tolle und einzigartige Atmosphäre.

„Voodoo Void“ klingt zuerst nach nichts Besonderem, überrascht dann aber plötzlich mit orientalischen Klängen, die obendrein auch noch richtig gut klingen und den Song recht einzigartig machen, nett. Der letzte Song „Nest“ ist wieder über 6 Minuten lang und ein ruhiger Ambient-Track. Hier habe ein paar Anläufe gebraucht, um mich auf die recht psychedelische Grundstimmung einlassen zu können, dann ging es. Das letzte Drittel bleibt für mich trotzdem schwach und ideenlos. Insgesamt eine der besseren Umsetzungen dieser Art auf „Schädling“ aber für :Wumpscut:-Verhältnisse recht schwer zugänglich. Wenn man’s dann aber einmal hat, ist „Nest“ ein ziemlich interessanter Song.

Soweit erstmal zum Main-Album. Ich muss sagen, ich bin hin- und hergerissen. „Rifki“ und „Schäbiger Lump“ sind großartig, keine Frage und Rudi Ratzinger verfolgt hier ein recht neues, stilles und düsteres Ambient Konzept und Songs wie „Moloch“ beweisen, dass er dieses auch umsetzen kann. Aber gleichzeitig fehlt mir der rote Faden und die ganze Nummer wirkt ziemlich unfertig. Zu viel Ausschussware und zu viele Filler und wenn gerade Songs wie „Rifki“ oder „Schäbiger Lump“, die nicht unbedingt in’s Gesamtbild passen, das Album retten müssen ist das einfach keine runde Sache. Schade, denn wenn man nicht krampfhaft versucht hätte, wieder im Frühling ein Album auf den Markt zu werfen, hätte vielleicht sogar was ganz innovatives draus werden können.

Aber es gibt ja noch die Remix-CD. Die kann das Gesamtkunstwerk aber leider auch kaum aufwerten. Alleine die Tracklist: 1 x „Rusty Nails From Hell“, 4 x „Rifki“; 11 x „Schäbiger Lump“. WTF? Dass sich „Rifki“ ganz gut anbietet, kann ich ja noch nachvollziehen, aber gerade „Schäbiger Lump“ ist nicht nur an sich schon gut, wie es ist, sondern hat für meinen Geschmack auch nur bedingt Remix-Potential. Klar wären Remixe zu den ruhigeren Stücken gewagt, aber auf „Fuckit“ hat z.B. selbst „Gulag“ 2 Remixe spendiert bekommen und langweilige Standard-Songs wie „Enemy“ oder „Oh How It Feels“ hätten doch gut von ein wenig Herumbasteln profitieren können. Echt schade, dass sich da niemand drangewagt hat.

Na gut: Los geht es mit „Schäbiger Lump“ im Ranthony Other Remix und „Rifki“ im Cerebral Apoplexy Remix. Beide sind einigermaßen unspektakuläre Elektronummern, die die Songs ein wenig tanzbarer machen, ihnen aber gleichzeitig die Ecken und kannten nehmen. Sicherlich anhörbar, aber ich bleibe bei den Originalen.

Der 12 Inch Remix von „Rusty Nails From Hell“ verlängert den Song dann auf 9.38 Minuten. Eigentlich mag ich sowas ganz gerne. Hier wirkt es ein wenig lieblos, da ca. die ersten beiden Drittel instrumental sind und der eigentliche Song wie halbherzig drangeklebt wirkt. „Schäbiger Lump“ im Blutharsch Remix ist eher mal eine ganz eigene Neuinterpretation, was angesichts des Aufwandes natürlich löblich ist und ich gebe zu, dass der Song sich gut für so ein Projekt anbietet. Es gibt nur ein Problem: Ich kann Neofolk und dem Blutharsch rein garnichts abgewinnen, weshalb mich dieses Stück auch kalt lässt. Aber das ist natürlich reine Geschmackssache. Für den einen oder anderen Fan also vielleicht ganz interessant.

Der Mechanimal Canibals Remix von „Rifki“ ist mir persönlich zu stumpf und unspektakulär, der Recently Deceased Club Mix von „Schäbiger Lump“ dagegen wieder eher clubtauglich, im Gegensatz zum Ranthony Other Remix aber dank Verzicht auf Vocals eher auf eine entspanntere Art und Weise. Der Midnight Commodore Remix „Schäbiger Lump“ geht dann dank der eingängigen Melody gut ins Ohr, aber leider auch dank den 10 anderen Remixes von exakt dem gleichen Song auch ziemlich auf dieser CD unter.

Wirklich aufhorchen lässt mich dagegen nochmal der K-U-T-T Remix von „Rifki“. Der erzeugt nämlich eine richtig schöne düstere Atmosphäre und lässt den zugrundeliegenden Song nur noch erahnen. Für mich das Highlight auf dieser CD und endlich ein wenig Abwechslung unter den Remixes. Danke dafür! Der „Recently Deceased Floating Mix“ von „Schäbiger Lump“ lässt dann schon eher melancholische Atmosphäre aufkommen, was okay ist.

Der „Reznick Remix“ vom selben Song spielt dann vor allem mit den Roland Freisler Samples, schneidet diese sogar neu zusammen, was in der Praxis leider weniger gelungen klingt, als in der Theorie. Der Yendri Remix geht die Sache ähnlich an, macht aber in meinen Ohren etwas mehr draus.

Der Advent Resilience Remix von „Rifki“ ist mit seinen stampfenden Rhythmen dann nochmal was für den Club. Wie so viele Songs auf der CD ist er soweit in Ordnung, hebt sich jetzt auch das Masse aber auch nicht besonders hervor. Der Erektor Remix von „Schäbiger Lump“ ist auch eher härter und klingt für den Elektrolaien wie mich fast schon nach Dubstep. Der Piscide Remix von „Schäbiger Lump“ geht eher konventionell an die Sache, hat aber einen wirklich ordentlichen Beat auf Lager, der ihn auf eine sehr simple Art und Weise zu einen der besseren Remixe macht.

Der Naked Beat Remix langweilt mich dagegen ziemlich und so langsam fällt es mir auch schwer, diesem Song noch in weiteren Remixen zuzuhören. Na gut, einer noch: Der Asl Remix setzt vor allem auf eigene Samples (ich wüsste gerne, vorher diese stammen) und ist dank diesen ziemlich interessant anzuhören, aber auf der musikalischen Ebene eher unspannend. Auch nichts, was ich mir 3 mal geben müsste.

Damit wäre dann auch die Remix-CD zu Ende. Alles in allem eine eher langweilige Bonus-CD, was vor allem an der eingeengten Song-Auswahl liegt. Das meiste ist irgendwo solide, aber so richtig sticht kaum etwas hervor. Von daher brauchen eigentlich auch nur Hardcore-Fans oder Komplettionisten wie ich, die alles mal gehört haben wollen, die 2-CD Version.

Insgesamt würde ich „Schädling“ 7 Punkte geben, aber auch erst, nachdem ich es einige Male in Ruhe gehört und Songs wie „Moloch“ oder 2Nest“ für mich entdeckt habe. Leicht zugänglich erscheint mir das Album nämlich nicht und am Stück lässt es sich auch ganz schlecht hören. Gleichzeitig habe ich nach einiger Zeit genug gutes Material gefunden, um „Schädling“ noch zu einem ganz ordentlichen :Wumpscut: Album zu machen.

Punkte: 7 / 10


Wumpscut: Schädling (Ltd.ed.)

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Tracklist:

  1. Rusty Nails From Hell
  2. Schäbiger Lump
  3. Oh How It Feels
  4. Foretold
  5. Break The Seal
  6. Rifki
  7. Enemy
  8. Hard To Bear
  9. Spuuk (Now Is Over)
  10. Moloch
  11. Voodoo Void
  12. Nest
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