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Kleeblatt Nr. 22 Hard & Heavy (1987) - ein Review von DarthWerder

Plattform: Kleeblatt Nr. 22 Hard & Heavy - Cover
1
Review
5
Ratings
8.30
∅-Bewertung
Typ: Album
Genre(s): Metal Heavy Metal


22.05.2015 23:30

1979 startete das staatliche DDR-Label Amiga die Sampler-Reihe "Kleeblatt" (insgesamt erschienen 26 Ausgaben), die sich in erster Linie dem Schaffen heimischer Newcomer widmete. Dabei widmet sich Nummer 22, um die es an dieser Stelle gehen soll, wie es Name und Cover schon subtil andeuten, (als einziger Bestandteil der Reihe) ausschließlich dem Metal. Dieser kommt von PLATTFORM, MCB und COBRA, den drei Bands, die mit jeweils vier Stücken vertreten sind.

Den Auftakt machen PLATTFORM, Hard Rock/Metal aus Cottbus, deren Sängerin Michaela "Micky" Burghardt stimmlich Doro Pesch frappierend ähnelt. Und auch die Musik orientiert sich deutlich am westlichen Vorbild, was in Anbetracht dessen, dass die Band neben eigenen Titeln auch einige Warlock-Titel zu ihrem Live-Repertoire zählte, wenig verwunderlich ist. Alle Stücke, vom Auftakt "Heavy Braut", einem eher simplen Rocker mit etwas merkwürdigem Sprechgesang im Refrain über das deutlich flottere und stärkere "Feuer", das balladeske "Lichter der Nacht" und zum Abschluss "Sechzehn", bewegen sich auf gutklassigem Niveau bekannten Warlock-Terrains. Der einzige nennenswerte Unterschied besteht in der Sprache, während Warlocks Songs überwiegend auf Englisch waren, ist bei PLATTFORM DDR-typisch alles in deutscher Sprache gehalten. Insbesondere Freunde Warlocks sollten ein Ohr riskieren (und nach der 2009 via German Democratic Recordings veröffentlichten Compilation "Heavy Braut (1983-1989)" Ausschau halten, die viel ansonsten unveröffentlichtes Material der Band enthält), der allerletzte Funke will jedoch zumindest für mich nicht überspringen.
Demgegenüber setzen MCB (Magdeburg) schon mit ihrem ersten Lied "Heavy Mörtel Mischmaschine" ein deutlicheres Ausrufezeichen. In musikalischer Hinsicht beinahe so merkwürdig wie in lyrischer, wird eine verdammt eingängige leicht angeschwärzte Mischung aus Motörhead und Van Halen geboten, die sich schon beim ersten Durchgang ins Gehör fräst. Es ist schließlich auch an MCB, die A-Seite mit dem etwas unscheinbareren, von Motörhead beeinflussten "Eisenmann" die A-Seite abzuschließen. Wer jetzt allerdings erwartet, nach den Ost-Warlock auch die DDR-Antwort auf Motörhead vorgefunden zu haben, hat seine Rechnung ohne die B-Seite gemacht. Die düstere Morgenstern-Adaption "Lied des Galgenbruders an Sophie das Henkersmädel" bewegt sich zwischen Black Sabbath und primitivem Black Metal und unterscheidet sich mit seiner bedrohlichen Atmosphäre deutlich vom ansonsten eher positiven Material des Samplers. Und wäre das nicht genug an Vielfalt, frönt das flotte "Kommando 308" den düstereren Seiten der NWOBHM, am ehesten drängt sich ein Vergleich mit Angel Witch auf. Während nach diesem Sampler keiner der teilnehmden Bands ein wirklicher Durchbruch gelang, hat es im Übrigen zumindest ein Mitglied von MCB zumindest in kommerzieller Hinsicht "geschafft": Sebastian Baur, von 1986 bis 1989 Sänger und Gitarrist, spielt unter dem Pseudonym Buzz Dee Gitarre bei Knorkator.
Nachdem nun auch MCB ihren Beitrag zum Kleeblatt geleistet haben, ist es an der Berliner Band COBRA, den Sampler abzuschließen. "Lady Rock", ein flotter Song in Tradition der melodischeren Vertreter der NWOBHM, klingt energiegeladener als die meisten jungen schwedischen Bands, die sich heutzutage am gleichen Vorbild orientieren und überzeugt auf ganzer Linie, ebenso die drei folgenden Stücke "Wilde Action", "Träumer" und "Feuer unterm Eis", die jedoch nicht mehr ausschließlich britisch beeinflusst sind, sondern die NWOBHM-Einflüsse mit einer gewissen Hard Rock/ Glam-Komponente vermischen, sodass ihr kompetent dargebotener Melodic Metal auch beispielsweise Dokken-Fans munden müsste. Leider gibt es von COBRA keine Veröffentlichungen, die über das hier gebotene hinausgehen.

Vergleicht man die Situation in der DDR mit der von „Bruderstaaten“ wie Polen, Ungarn oder der Tschechoslowakei, fällt auf, wie eklatant wenige Metal-Releases dem Osten Deutschlands entstammen. Deshalb liegt, neben der hohen musikalischen Qualität, auch ein interessantes zeitgeschichtliches Dokument ostdeutschen Stahls vor. Und mögen auch PLATTFORM noch nicht auf ganzer Linie überragen, sind MCB ("Heavy Mörtel Mischmaschine" anhören!) und COBRA deutlich spannender. Während MCBs bunte Mischung wahrscheinlich etwas zu krude für kommerzielle Erfolge gewesen wäre, hätten COBRA von Ausrichtung und Qualität her in der zweiten Hälfte der Achtziger die weltweiten Charts stürmen können (gegebenenfalls mit der Einschränkung einer eventuellen Sprachbarriere).
Deshalb erstaunt es wenig, dass ich „Kleeblatt 22: Hard & Heavy“ nur absolut empfehlen kann, insbesondere den Fans genannter Einflüsse. Vor allem im Osten der Republik sollte es auch kein allzugroßes Problem sein, ihn für einen erschwinglichen Preis aufzutreiben.

Punkte: 8.5 / 10


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