Gates To Purgatory (1984) - ein Review von TeutonicSteel91

Running Wild: Gates To Purgatory - Cover
2
Reviews
51
Ratings
8.67
∅-Bewertung
Typ: Album
Genre(s): Metal Heavy Metal


02.08.2012 15:01

Jeder kennt das Gefühl, etwas erlebt zu haben, was sich ins Gehirn auf Lebzeiten hinein frisst. Sei es der erste Kuss mit der ersten große Liebe, der erste Sex mit dem/der ersten Freund/in, das erste Auto, das erste Konzert, was weiß ich.
Aber absolut nichts hat zumindest mein (musikalisches) Leben so verändert wie Folgendes: Wir schreiben Ende 2005/ Anfang 2006, ein gerade 15 Jahre alter, pickeliger Teenager aus Mainz ist der übelste Punk Rock- Rebell, neigt aber im Gegensatz zu seinen Trink- Kumpanen nahezu ebenso stark zu handgemachtem, anspruchsvollem, klassischen Heavy Metal, den er bereits seit Jahren vom Vater eingeflößt bekommt. Die damals schon eher längeren Haare untermalen dies.
Er hört den ganzen Tag, anstatt für die Schule, die ja eh scheiße ist, zu lernen, Bands wie Ramones, Motörhead, Sex Pistols, Slime, Judas Priest, Accept sowie The Exploited und hebt zur Musik dieser Interpreten recht gerne seine ersten größeren Mengen Bier, was hin und wieder zu ach so lustigen Erlebnissen kommt.
Eines sonnigen Samstag morgens beschließt er nach einer heftigen Party am Abend zuvor, zum Plattendealer des Vertrauens zu fahren, um dort ein wenig nach Tonträgern zu stöbern.
Das CD- Regal ist schon immer gemeinsam für Punk Rock UND Heavy Metal bestimmt gewesen und nachdem man im Ramones- Fach keine noch nicht in der Sammlung befindliche CD findet, sucht man weiter. Kurz danach blickt dem Schreiber dieser Zeilen ein Cover entgegen, welches eine Fotografie eines jungen, langhaarigen Herren, ein riesiges Nietenarmband tragend, zeigt, der mit einem Schweißkolben Metall zersägt und dazu unzählige Funken versprühen.
Nun gut, Heavy Metal, welchen ich anhand des Covers sofort erahnte, mochte ich ja, den Namen „Running Wild“ hatte ich irgendwo auch schon einige Male gehört, doch war mir diese Band eher unbekannt gewesen. Sehen wir einmal davon ab, dass mir beim Durchblättern des Booklets der Spitzname „Rock'n'Rolf“ ein Deja-Vú bereitete. Der Preis für den Tonträger betrug eh nur 6 €, also nahm man das gute Stück neugierig mit.
Zuhause angekommen, war ich danach selbstverständlich heiß wie Feuer drauf, dieses Stück endlich anzuschmeißen.
Gesagt, getan! Der erste Song „Victim Of States Power“ begann. Ein hyper- schneller Riff, wie ich ihn in der Art zum damaligen Zeitpunkt höchstens von amerikanischen Hardcore Punk- Bands kannte, ertönte. Es folgte ein kurzer, schriller Schrei und auf einmal schepperte, knallte und peitschte alles nur noch in schwindelerregendem Tempo aus den heimischen Boxen. Meinen Ohren konnte ich kaum trauen!
Auf einmal war das da, nach dem ich lange suchte: die musikalische Genialität meiner eher untergründig dagewesenen Heavy Metal- Vorliebe, gepaart mit der Aggression und Geschwindigkeit des geliebten (HC-) Punk Rocks. Es klang alles so rebellisch, räudig und doch irgendwie genialer und anspruchsvoller als der simple, meist auf wenige Akkorde reduzierte Punk. Alle musikalischen Vorlieben wurden zu einer brutalen, unchristlichen, sowie gesellschaftskritischen bzw. –verneinenden Kraft vereint. Die „Fuck Off“- Attitüde des Punks war immer noch ein wenig da und doch war alles so „METAL“.
Nach den ersten 3 ½ Minuten des Albums ertönte der 2. Track namens „Black Demon“. Hier konnte man sich ein wenig von der Überschall- Attacke des Openers ausruhen und dennoch inbrünstig mitbrüllen. Der Titel groovt trotz seines eher langsamen Tempos wie Hölle und beinhaltet in den Lyrics haufenweise satanische Inhalte. Einfach nur Kult, denn damals war das ganze Teufel- Gedöhns ja nur ein beliebtes Provokationsmittel gegen die „Spießer“ und kein ach so „anti- kosmisches“ Pseudo- „Hoch- IQ“- Gesabbel wie einige Jahre später in Norwegen geschehen.
Anschließend bekam man das dem Gitarristen gewidmete, gleichnamige „Preacher“ zu hören, ebenfalls ein erneut recht langsamer Song. Allerdings hatte man auch hier nicht das nötige Gespür für packendes, faszinierendes Songwriting vergessen. Das vierte Lied der „8 Titel für die Ewigkeit“ hieß „Soldiers Of Hell“, bei dem das Tempo von nun an wieder mächtig angehoben und dadurch die etwas schnellere, damals eher gewöhnliche Seite dieser Gottheit aufgezeigt wurde. Nach dreieinhalb Minuten, in deren Verlauf der Refrain relativ oft hinaus skandiert wird, weiß man auch, wer die „Soldaten der Hölle“ sind: „Dark Warriors Out Of Hell, Mighty & Evil... With Long Black Hair!“. „Diabolic Force“ startete mit einem kurzen Interlude, die Instrumente klangen aus, aber nur, um danach in martialisch rasendem Tempo alles niederzumähen, was bei Drei nicht auf dem Baum ist. Eine fünf Minuten andauernde „teuflische Kraft“ eben, welche zwischen 1984 und 1986 gerne als Opener für ihre legendären Shows (siehe Youtube- Links) genommen wurde und ihrem Namen selbstverständlich alle Ehre erwies. Als sei dem nicht genug gewesen, trumpften die vier, bereits 1976 als Schülerband gegründeten Hamburger daraufhin mit dem allerschnellsten Song der gesamten Bandkarriere auf: „Adrian S.O.S.“, eine Hommage an das gleichnamige Band- Maskottchen, welches bis an mein Lebensende den Rücken meiner Kutte zieren wird, brach in der recht kurzen Spielzeit von knapp 3 Minuten sämtliche Geschwindigkeitsrekorde, die man bis zu diesem Zeitpunkt aufgestellt hatte. Das ist die Formel 1 des Heavy Metals, die absolute Königsklasse! Adrian ist und wird einfach der Sohn Satans bleiben!
Eher hymnisch als rasend schnell ging das Album mit den letzten beiden Songs, von denen gerade letzterer alles toppt, zu Ende. Den Start machte „Genghis Khan“, gespickt mit einer Gänsehaut erregenden Harmonie, bei der man am Besten nicht nur den Text, sondern gleich die gesamte Melodie mitgröhlt. Als wäre dieser einen Hymne nicht genug, folgte zum Schluss gleich darauf die absolute Hymne Running Wild´s, vergesst dabei „Under Jolly Roger“ oder „Black Hand Inn“ (auch wenn beide Songs natürlich immer noch göttlichst sind). „Prisoner Of Our Time“ ist für mich mittlerweile einfach DER Running Wild- Song. Die fünf Grundtöne wurden angespielt und sofort bekam ich nahezu am gesamten Körper Gänsehaut. Nachdem man ein paar Mal diesen ersten Riff wiederholte, ging´s dann richtig los. Zwar nicht übermäßig schnell, aber fesselnd, heroisch und packend wie nichts, was je zuvor meine Lauscherlappen erreichte! An dem Lied stimmte einfach ALLES, sei es das Intro, der daraufhin folgende Riff, die Strophe, der bei vielen Fans überdurchschnittlich viel Adrenalin ausschüttende Refrain oder das knapp einmütige Solo- Duell zwischen Preacher und Rock n´ Rolf, wo man sich gegenseitig ordentlich hoch stachelte und sein Können bereits damals schon eindrucksvoll unter Beweis stellte. Mit dem Ende dieses Jahrtausend- Songs war nach einer Gesamtlänge von 33 ½ Minuten das mittlerweile in meinen Augen allerbeste Album zum ersten Mal durchgehört und ich dachte mir, nachdem das Realisierte erst einmal verarbeitet wurde: Ich bin ein Punker???? Never Ever! I was Totally Metalized To The Bone!!!!
Dieses Erlebnis wird dem „Prisoner Of His Time“ ein Leben lang im Gedächtnis bleiben und das daraus resultierende Ergebnis noch vielen weiteren modernen, alternativen, ach sooooo rebellischen, „angerockten“ und nicht vielleicht doch ein bisschen zu emotionalen Teenie- Kiddies die nächsten Jahrzehnte böse auf den Zeiger gehen. Denn dieses Album vermittelte mir als erstes bewusst, was es heißt, im richtigen Metal Stolz bzw. Traditionsbewusstsein mit Rebellentum zu verbinden.
Jetzt schreiben wir das Jahr 2010, seit Erscheinen dieser Langrille sind 26 Sommer und Winter ins Land gezogen (damit sogar 7 Jahre mehr als meine Wenigkeit seit seiner Geburt erleben durfte) und das Stück weiß bis heute immer noch, den rebellischen Charakter des SPEED fuckin´ METALs eindrucksvoll wie kein anderes Referenzwerk zu vermitteln. Auf den CD- Versionen bekommt man meist die beiden Stücke „Walpurgis Night“ und „Satan“ der „Victim Of States Power“- EP, welche wenige Monate zuvor veröffentlicht wurde, als Bonus dazu.
Nun ja, zum weiteren Verlauf von Running Wild muss ich einem Metal- Fan wohl wenig erzählen. Dass sie bereits 3 Jahre später auf dem Album „Under Jolly Roger“ mit dem bekannten Piratenimage anfingen und dies zeitweilig kommerziell verdammt erfolgreich bis zum unrühmlichen Ende 2009 auf einem viel zu kommerziellen Festival in einem kleinen norddeutschen Dorf nahezu so weiter führten, dürfte ebenfalls nicht unbekannt sein.
Leider hielt jedoch die Band- Besetzung von „Gates To Purgatory“ nur diese eine Platte, denn im Sommer 1985 stieg Preacher aus.
Als Nachfolger stieg damals Majk Moti ein, welcher diesen Posten bis 1990 inne hatte.
Abschließend bleibt mir zu diesem Werk zusagen: Running Wild haben nie etwas wirklich „schlechtes“ herausgebracht (auch wenn die letzten 3 Scheiben arg durchschnittlich waren). „Death or Glory“, „Port Royal“, „Pile Of Skulls“, „Blazon Stone“, „Black Hand Inn“ und Konsorten waren IMMER die Speerspitze des deutschen Heavy Metals, doch konnte man nie einen ebenso zynischen Nachfolger wie das 84er- Debüt ans Volk bringen.
In diesem Sinne: Satanic Speed Metal Never Dies! It´s Time To Raise The Flag Of Adrian, The SON OF SATAN... AGAIN!!!

Punkte: 10 / 10


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